22 Jul

Die andere Frau (Therapeutische Geschichte)

Die andere Frau


Pia und Fynn waren schon seit 7 Jahren ein Paar. Die Beiden waren jetzt Mitte Zwanzig, kannten sich schon seit der Schulzeit und wurden kurz danach ein Paar. Sie konnten viel miteinander lachen – so verschieden sie in manchen Dingen auch waren. Fynn liebte Fußball und verbrachte mindestens einen Abend der Woche entweder auf dem Rasen oder mit den Kumpels beim Fußball gucken. Pia ging einmal die Woche zum Tanzen und einmal zum Fitnesstraining.

So oft sie konnten, verbrachten die beiden Zeit miteinander. In der letzten Zeit hatte Fynn nun regelmäßig auch zwei Abende für sich genutzt – zum Glück überschnitt sich zumindest ein Tag. Pia fiel auf, dass er sich „irgendwie komisch“ verhielt. Sein Handy lag nicht mehr offen in der Wohnung herum und er schrieb häufiger Nachrichten als sonst. Das ging jetzt schon eine Weile so.

„Sieben Jahre ist eine lange Zeit.“, dachte sich Pia, „ob er eine andere Frau …?“ Bei dem Gedanken schlug ihr Herz schneller, sie spürte die Aufregung in sich und wie die Anspannung in ihr wuchs. Sie war doch eine attraktive Frau und bekam auch immer mal wieder Komplimente von anderen Männern. War sie nicht mehr schön oder reizvoll genug für ihn? Sie blickte in einen Spiegel. Gut, ein paar Stellen würde sie an sich vielleicht schon verändern, das will wohl jede Frau, aber eigentlich war sie mit ihrem Aussehen doch ganz zufrieden.

Was die andere Frau wohl hatte, was sie ihm nicht bieten konnte? Eine bessere Figur? Ein aufregen­deres Liebesleben? War es nur der Reiz des Neuen? Wer sie wohl war? Plötzlich erinnerte sie sich, dass sie kürzlich ein paar Brocken eines Telefonates von Fynn aufgeschnappt hatte – „Ich freue mich“. Sie hatte sich zunächst nichts dabei gedacht … aber jetzt.

Beim nächsten Tanzkurzabend fragte sie ihre Freundin Susanne, was sie von der Situation halten solle. „Der liebt Dich doch, da mach Dir mal keine Gedanken.“, versuchte Susanne sie zu beruhigen. Aber irgendwie ließ es Pia keine Ruhe. Bei Fynns nächstem freien Abend folgte sie ihm heimlich. Er hatte sich schick angezogen und seine guten Schuhe an. Sie ahnte es – er geht zur anderen Frau.

Sie war viel zu aufgeregt, um den Weg zu verfolgen, aber er ging nur etwa eine viertel Stunde und dann klingelte er. Die Tür öffnete sich. „Schön, dass Du da bist.“, hörte sie eine Frauenstimme. Sie kannte diese Stimme doch … das … das war … Susanne.

Wie konnte sie ihre Freundin nur so hintergehen? Und Fynn … sie hatten doch gemeinsame Pläne, sogar über das Heiraten hatten sie mal gesprochen. Aufgelöst und mit Tränen in den Augen lief sie nach Hause. Wir hatte das nur geschehen können? Wie konnten die beiden ihr DAS antun. Viele Tränen kullerten ihre Wangen herunter. Dann wurde sie auch wütend. Nach so vielen Jahren … und sie war ihm immer treu geblieben, obwohl es durchaus Angebote gegeben hätte.

Da ging die Tür auf und Fynn kam herein. Er stutzte kurz als er sie sah. Dann rief sie ihm zu, dass er doch gleich wieder zu ihr gehen könnte und wie enttäuscht sie ist – von ihm und Susanne, dass die beiden sie so hintergangen haben. Männer … sind ja doch alle gleich.

Fynn war wie erstarrt und wurde bleich im Gesicht. „Ich wollte nicht, dass Du es so erfährst. Susanne und ich … wir … es ist anders, als Du denkst.“, er ging auf sie zu, „ich liebe Dich doch“. Er nahm sie in den Arm. Erst stieß sie ihn weg und dann spürte sie doch seine Nähe. In seine Augen waren Tränen. „Susanne, hat mir nur helfen wollen. Ich wollte doch unbedingt noch tanzen lernen … bevor … bevor ich …“, er kniete sich vor sie und seine Hände zitterten, er holte einen Schachtel aus einer Tasche, die er offenbar schon länger mit sich trug, “… Dich fragen …. ob Du … Willst DU mich heiraten ?“.

Pia glaubte ihren Ohren nicht. Dieser Blödmann kniete vor ihr … dieser süße Blödmann … dieser Süße … „ABER … aber ich … ich dachte … JA, ja ich will Dich heirat…“ Da erstickte ein Kuss von Fynn ihre Worte. Und wieder hatte sie Tränen in den Augen … Tränen des Glücks.

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2016)





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Die andere Frau (Therapeutische Geschichte)
12 Jul

Die Trauerweide (Therapeutische Geschichte)

Die Trauerweide

 

Auf dem Friedhof einer kleinen Stadt befand sich so ziemlich in der Mitte ein kleiner Teich. Direkt an dem kleinen Teich stand eine Trauerweide. Sie war schon viele Jahre alt und hatte viele Menschen kommen und gehen gesehen. Einige, die auf den Friedhof gingen, um ihre Verstorbenen zu besuchen, setzten sich in den Schatten des Baumes – auf die kleine Bank, die dort stand.

 

Viele Tränen hatte die Trauerweide schon gesehen und Trauernde weinen und klagen gehört. Doch sie schwieg. Vielleicht war es auch das schweigende Zuhören, das so viele Menschen schätzten und sie im Kreise des Baumes ihren Kummer aussprechen ließ. Anfangs hatte sie versucht, den Menschen etwas zuzuflüstern, um sie zu trösten, doch keiner hatte sie gehört. Auch Vögel saßen in den Zweigen des Baumes. Doch wenn sie dort saßen, sangen sie keine Lieder oder zwitscherten miteinander. Die Weide war ein besonderer Ort und alle respektierten dies.

Weil sie schon so alt war, überragte die Trauerweide viele der jüngeren Bäume und konnte alles bemerken, was auf dem Friedhof geschah. Sie wusste auch genau, wo die letzte Ruhestätte eines jeden war.

Eines Tages setzte sich der kleine Linus auf die Bank. Linus war erst 9 Jahre alt und hatte doch schon vieles erlebt. Seine Eltern standen nur wenige Meter von ihm entfernt an einem Grab. Beide hielten ihre Hände und weinten. Sein kleiner Bruder Benjamin war vor einigen Tagen verstorben. Auch Linus war sehr traurig. In diesem Jahr wäre Benni, wie er ihn nannte, sieben geworden und in die gleiche Schule eingeschult worden, wie er.

Die beiden konnten sich streiten, wieder vertragen und spielten sehr gerne miteinander. Seine Eltern hatten ihm erklärt, dass Benni nie wieder mit ihm spielen würde. Vor einigen Wochen musste Benni ins Krankenhaus. Dort hatten Ärzte festgestellt, dass Benni sehr krank war. Schon damals hatten seine Eltern viel geweint. Linus hatte es nicht verstanden. Schließlich ging er fest davon aus, dass er bald wieder mit Benni spielen würde.

Als er daran dachte, wie er doch immer mit Benni um die Wette gelaufen war, sie gemeinsam im Park mit den Fahrrädern übten oder mit ihren Eltern spielten, wurde Linus sehr, sehr traurig. Bisher hatte er kaum geweint, aber unter der Trauerweide kullerten seine Tränen die Wangen herunter.

Die alte Trauerweide hatte schon so oft Tränen gesehen und einfach nur zugehört. Doch als Linus Tränen auf ihre Wurzeln trafen, sprach die alte Weide. Und Linus war der Erste nach vielen, vielen Jahren, der sie hörte. Auch sie hörte ihm zu, wenn er darüber sprach, wie sehr er seinen kleinen Bruder vermisste. Doch jedes Mal wenn er wieder ging, fühlte er sich ein wenig leichter und besser.

Eines Tages sprach er anders mit der Weide, über seinen Bruder und sein Leben. Da bemerkte die alte Trauerweide, dass etwas in Linus passiert war und ihre Blätter flüsterten ihm zu: „…

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2016)




 

 

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Die Trauerweide (Therapeutische Geschichte)