23 Mai

Bella & Liberou (Therapeutische Geschichte)

Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl Charlottenburg

 

Auf einem kleinen Bauernhof, nahe einem kleinen Bach zwischen den Feldern und Weiden und dem Wald lebte die Bernhardinerhündin Bella. Ihre Hütte hatte ein rot angemaltes Dach mit weißen Wänden und drinnen lag eine Decke, auf der sie sich ausruhen konnte, wenn der Tag zu Ende ging. Bella liebte diesen Hof, den Bauern, der sich um sich kümmerte und ihr ein Zuhause gab und die Schafherde, die sie bewachte. Mit ihrem sanften Wesen und den gütigen Augen konnte sie ihre Umgebung schnell für sich gewinnen. Dennoch war sie eine wachsame und pflichtbewusste Hütehündin. Noch nie war ihr ein Schäfchen der Herde abhanden gekommen. Sie liebte es, dass Grass ihr Fell streifte, sie im Bach schwimmen und sich abkühlen konnte und der Bauern sie abends streichelte und für ihre Arbeit lobte.


Nur manchmal in den lauen Sommernächten, wenn der kühle Abendwind ihre Nase streifte, die Vögel aus dem Wald sangen und die Luft nach frischem Heu schmeckte, schaute sie in den Himmel und bewunderte die Sterne. Dann hätte sie gerne einen Partner an ihrer Seite gehabt, um all das Schöne zu teilen und vergnügt und frei durch die Wiese zu laufen. Das ginge natürlich nur, wenn die Schafe bewacht waren oder im Stall – sonst hätte sie sich diese Dinge selbst nie erlaubt.


Eines Tages blickten zwei Augen aus dem Wald. Sie waren viel kleiner als Bellas und blickten frecher daher. Sie gehörten Liberou – einem wilden Hund, der irgendwann über die Berge kommen war. Irgendwo dort –niemand wusste mehr wo und wann genau- wurde er geboren. Als er noch ganz klein war, kam er mit seiner Familie hinunter in den Wald. Er kannte nur den Wald. Dort lebte er frei, wild und schlief jede Nacht an einem anderen Ort. Er dachte nie daran, sich irgendwo niederzulassen. Die Tiere in dem Wald achteten ihn, weil er immer für Ordnung sorgte, wenn es mal Streit gab. Manche hatten sogar ein bisschen Angst vor ihm, was ihm sogar ein bisschen gefiel. Sein Fell war bunt gemustert und struppig, sein Körper eher drahtig und er konnte ziemlich schnell laufen.


Als er Bella sah, konnte er seinen Blick lange nicht von ihr lösen und er verharrte am Waldrand. Er konnte es sich nicht erklären, warum diese fremde Hündin ihn so faszinierte. Nachdem er sie eine Weile beobachtet hatte, lief er wieder in den Wald. Bella hatte ihn wohl bemerkt und war wachsam, was dieser Fremde in der Nähe des Hofes wohl wollte, aber nachdem er verschwunden war, widmete sie sich wieder ihrer Arbeit. Und doch ertappte sie sich, dass sie über diesen fremden Hund aus dem Wald nachdachte. Liberou träumte in dieser Nacht, wie er schon lange nicht mehr geträumt hatte. Im Traum liefen Bella und er nebeneinander her durch den Wald und durch die Wiesen. Er konnte den Wind spüren, roch das Gras und die Bäume, hörte ihren Atem neben sich und sein Herz schlug schneller. Am Morgen, als er erwachte und bemerkte, dass es nur ein Traum war, fasste er sich ein Herz und lief hinüber an den Waldrand.


Liberou wollte unbedingt wissen, ob sich sein Traum erfüllen würde. Langsam und für Bella gut sichtbar näherte er sich ihr. Sie hatte ihn natürlich schon bemerkt. Er sah anders aus als die Hunde, die sie bisher getroffen hatte und er roch anders – nach Wald, Freiheit und Abenteuer. Auch wenn sie ihre Arbeit liebte, von diesem Fremden ging etwas aus, dass sie unglaublich neugierig machte.


Liberou zeigte sich freundlich und lies an dem, was er tat und wie er sich ihr näherte keinen Zweifel, dass er ihr oder dem Hof nichts Böses wollte. Bella sah ihn an, wie er immer wieder vor ihr hin und her lief und sich ihr als starker Hund zeigte. Er hielt immer wieder inne und schaute, wie sie reagierte. Am Abend, als ihr Tagewerk vollendet war, hielt sie nichts mehr – sie rannte auf ihn zu und tollte mit ihm durch die Wiese. In ihren schönsten Träumen hatte sie immer wieder davon geträumt. Ihr Herz schlug Purzelbäume und ihre Augen leuchteten wie kleine Sterne. Liberou sah es und war überglücklich. Endlich hatte er jemanden gefunden, endlich konnte er sich vorstellen, an einem Ort zu bleiben und er schwärmte ihr vor, wie er sich die gemeinsame Zeit vorstellen würde.0

Als die Nacht kam, ging Bella wie selbstverständlich zu ihrer Hütte. Sie wartete, weil sie dachte, dass Liberou natürlich zu ihr kommen würde – auf den Hof, in die Hütte nahe der Herde. Liberou aber war schon im Wald verschwunden und fing an zu träumen. Er kannte keine Hütte, keinen Hof oder eine Herde und Menschen mochte er nicht sonderlich. Am nächsten Abend war es wieder so – die beiden liefen verliebt durch die Welt und alles roch nach süßer Unbeschwertheit. Liberou blieb manchmal am Zaun vor dem Hof und Bella besuchte ihn manchmal am Waldrand, wenn sie gerade Pause hatte. Dann brachte sie ihm mal eine Decke und mal etwas Futter mit. Liberous Herz schlug jedes Mal höher, wenn er Bella sah und hatte auch allen Tieren im Wald voller Stolz von ihr erzählt. Was er mit den ganzen Sachen, die Bella mitbrachte, anfangen sollte, wusste er aber nicht so richtig. Er hatte sie auch schon mal angeknurrt, als sie ihm unbedingt zeigen wollte, wie er die Herde hüten und in der Hütte schlafen sollte. Liberou kannte keine Hütte und wollte keine Herde hüten. Seine Heimat war der Wald und so sehr er Bella liebte, fühlte er sich nur dort wohl.

Als der Bauer die beiden sah, wurden seine Augen glänzend. Wie freute er sich, dass Bella einen Liebsten gefunden hatte und gerne hätte er einen zweiten Hund auf den Hof aufgenommen aber er ahnte wohl, dass ein wilder Hund immer irgendwann dem Ruf der Freiheit und des Waldes folgen musste. Auch Bella kleffte nun manchmal in den Tag, weil sie nicht verstehen konnte, warum Liberou immer wieder in den Wald ging, obwohl sie ihm schon so oft einen Platz neben ihrer Hütte angeboten hatte.

Und der Glanz in ihren Augen wich und sie wurde traurig. Noch immer trafen sich die beiden und liefen abends durch die Felder, aber es war etwas verloren gegangen. Jetzt sah sie auch die rauen Seiten an ihm, die er zum Leben im Wald brauchte, sie aber nicht an ihm mochte. Beim Blick in den Sternenhimmel fragte sie sich viele Abende, wie es weitergehen sollte.

An einem Abend, als die Sterne besonders klar und hell leuchteten, der Nachtwind sanft über die Felder strich und die Luft besonders stark nach frischem Gras und Äpfeln roch, kam ein kleiner Engel herbei und setzte sich auf das Dach von Bellas Hütte. Er sah auf sie hinunter und blickte dann zu Liberou, der am Rande des Waldes lag. Und er sah die Liebe und den Schmerz, der beide verband und weinte eine Träne.

Als die Träne auf den Boden fiel …



[offenes Ende zur eigenen Ergänzung]
(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2016)
Praxis Der Zuhörer -Steffen Zöhl

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