04 Okt

Die Wut-Nuss (Therapeutische Geschichte)

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2016

Die Wut-Nuss (Therapeutische Geschichte)

gewidmet S.I.N.

In einem Land fern von hier stand ein großer, alter Baum. Kein Mensch wusste mehr, wie er hieß – vielleicht hatte er auch nie einen Namen. Aber es war ein sehr besonderer Baum und das wussten die Menschen in der Gegend. Je nachdem, mit welchen Gedanken und Gefühlen die Menschen zu dem Baum kamen, schmeckten die Früchte anders und nahmen eine andere Form, Farbe oder Konsistenz an.

Verliebte gingen gern zu dem Baum, dann schmeckten beiden die Früchte süß und lecker und waren farbig und es prickelte noch Tage lange. Auch Geburtstagskinder erfreuten sich an den bunten und saftigen Früchten. Für Trauernde schmeckten die rauen Früchte anfangs bitter und salzig wie Tränen und später mild. Doch sie stärkten sie sehr und gaben etwas Trost und Hoffnung. Wenn sich der erste Liebeskummer zeigte, gingen die Mütter oft mit Ihren Kindern zu dem Baum. Die Früchte waren dann zwar anfangs hart und furchtbar sauer, aber das innere der Frucht schmeckte einzigartig, wenn man ein paar Tage wartete. Die Früchte konnten auch Kraft spenden, Zuversicht, Mut oder Gelassenheit.

Manche Menschen mieden den Baum jedoch, denn bei Neid und Missgunst stanken die Früchte ganz widerlich und schmeckten zum Erbrechen. Für andere, die aggressiv oder rachsüchtig waren, brannten die Früchte auf der Zunge wie scharfer Chili.

Eines Tages kam die kleine Ira an dem Baum vorbei. Gerade hatte sie sich mit ein paar Kindern gestritten und war sehr wütend, dass diese nun nicht mehr mit ihr spielen wollten. In ihrer Wut trat sie gegen den Stamm des Baumes. In dem Moment viel ihr eine Frucht auf den Kopf. Die war hart und ihr kleiner Kopf tat ihr weh. „Na warte“, dachte sich Ira und wollte die Frucht auf den Boden schleudern und zerschmettern. Aber die Frucht hatte kleine Stacheln und als Ira sie schleudern wollte, stach sie sich damit selbst in die Hand. Die Frucht hatte eine harte Schale und begann in ihrer Hand zu zappeln und wild zu springen, sobald Ira sie in ihre Hände nahm. Und sie wurde dunkler, je länger sie Ira in den Händen behielt.

Sie nahm sie mit nach Hause und zeigte sie ihrer Mutter. Diese schaute sie an, “Oh…eine Wut-Nuss… Was ist passiert?“, fragte die Mutter. Ira erzählte von ihren Erlebnissen und zeigte die kleine Beule am Kopf und ihre kaputten Händchen. „Du musst an den Kern gelangen.“, sagte die Mutter zu ihr. Ira versuchte, mit einem schweren Buch die Schale zu knacken, aber es gelang ihr ebenso wenig, wie mit den heißen Feuerhaken oder der Säge. Die Mutter riet ihr, sich die Wut-Nuss genau anzuschauen. Ira ging mit der Nuss ans Licht und legte sie vor sich. Das Zappeln der Nuss wurde weniger. An einer kleinen Stelle entdeckte Ira ein kleines Löchlein und eine weiche Stelle. Mit einen kleinen Messerchen piekste sie vorsichtig in diese Stelle und plötzlich knackte die Schale in zwei gleiche Hälften. Diese zerbröselten dann wie von allein.

In der Nuss war ein kleiner Käfer gefangen gewesen, der sie kurz betrachtete und dann davon flog. Er war sehr schön anzusehen, als er flog. Plötzlich fing Ira an, zu weinen … Der schöne Käfer war weg.

Auch ihre Wut war weg … irgendwie war sie wohl schon die ganze Zeit eigentlich traurig.

 

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2016)

(Visited 59 times, 1 visits today)
22 Sep

Die Grollmücke (Therapeutische Geschichte)

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2016

 

Der kleine Tristan war häufiger verärgert und grummelte dann vor sich hin. Heute war wieder so ein Tag. Sein Opa sah es und setzte sich neben ihn ins Gras. „Na meen Jung, watt is denn ?“, fragte der alte Matrose seinen Enkel und lächelte gütig.

 

„Ach Opa, ich ärgere mich …“, antwortete Tristan. „Wie datt?“, fragte der Opa weiter. „Ich wollte doch heute mit Naomi spielen und wir wollten uns hier treffen. Aber sie ist nicht gekommen. Erst dachte ich, dass ihr etwas passiert sein könnte und bin zu ihrem Haus gegangen. Da war sie aber auch nicht und auch keine Notiz. Ich dachte, sie spielt auch gerne mit mir. Aber vermutlich mag sie mich nicht oder hat es vergessen. Vielleicht spielt sie auch mit einem anderen. Das ärgert mich jetzt voll. Ich bin total sauer auf sie …“ sagte Tristan und stampfte mit dem Fuß auf den Boden.

 

Der Opa schaute ihn an und sagte „Joah meen Jung, da hat di woll ne Grollmücke jestochen“. „Eine Grollmücke“, sah ihn Tristan fragend an. „Jipp, de kleenen Dinger pieksen eenen manchmol … und denn denkst de an dee komischsten Dinge und ärgerst di …“, sagte der Opa mit einem kleinen schelmischen Grinsen in seinem von der Zeit und dem Meerwind gezeichneten Gesicht.

 

Tristan dachte kurz darüber nach. Das würde vieles erklären … schon häufig hatte er sich geärgert, auch über Naomi. Meistens war es im Nachhinein halb so wild, kleine Missverständnisse und spätestens, wenn Naomi lächelte, war er ihr nicht mehr böse. Aber in den Momenten, wenn er sich sorgte oder sich ärgerte, dachte er nicht mehr daran. Grollmücken … die würden das alles erklären.

 

„Und was mache ich nun gegen Grollmücken?“, wollte Tristan wissen. „Nu, du krichst dat ja nich mit, wenn de jestochen wirst von de kleenen Viecher – abba … wenn de spürst, dat de Groll hochkommt – und se dich woll jepiekst haben – frog di mol, ob det wirklich stimmt, watt de da grod so denken tust … un erinner dich an de schönsten Momente mit de‘n Menschen“, sagte der Opa, „dann heilt de Stich un … von mal zu mal würst de immun gegen de kleenen Biesta“.

 

Plötzlich kam Naomi um die Ecke und grinste Tristan an. Der war noch so nachdenklich, dass er fast vergessen hatte, wie sauer er doch war … war er es noch? „Ich hab uns noch Äpfel gepflückt“, lächelte ihn Naomi an, „kommst Du spielen?“ „Ich bin immer noch ganz schön …“, Tristan hielt kurz an, „… froh, dass Du da bist“, versuchte er zu lächeln. Er spürte, wie der Stich der Grollmücke heilte.

 

Es dauerte noch eine Zeit und die Grollmücken stachen Tristan noch ein paar Mal, aber er lernte mit jedem Mal und immer schneller, wie die kleinen Piekse heilen konnten.

 

Eines Tages ging er zu seinem Opa, umarmte ihn und sagte „Opa, vielen Dank. Du hast mir sehr geholfen. Heute pieksen mich die Grollmücken nicht mehr“.

 

Und der alte Matrose lächelte zufrieden …

 

 

 

© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2016

(Visited 11 times, 1 visits today)
21 Sep

Herbst in der Preußenallee

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2016

17./18.092016 Berlin

 

Das bekannte Stadtteilfest und Kunsthandwerkermarkt in der Preußenallee (Westend, Charlottenburg) stand dieses Jahr neben Kleinkunst, Kunsthandwerk und Kultur auch unter dem Motto der Wahl.

 

Ich war zum ersten Mal bei einem der, wie ich finde, schönsten Kiez-Feste Berlins, mit einem Stand dabei. Nach einem verregneten und kühlen Sonnabend war der Sonntag mit sonnigem Wetter sehr schön.

 

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2016

„Begegne dem wichtigsten Menschen in Deinem Leben.“ war mein Motto, um mich vorzustellen. In einem „geheimnisvollen“ Karton war ein Spiegel angebracht, der jedem Betrachter zeigte, wer der wichtgste Mensch in seinem Leben ist bzw. sein sollte. Viele, die den Versuch machten, gingen mit einem Lächeln im Gesicht.

 

Es geht dabei nicht im Egoismus, sondern um Selbstachtsamkeit und Selbstachtung. Viele Menschen tun viel für andere und vergessen dabei gerne, auf sich selbst zu achten.

 

Für mich ist es wie das Gleichnis vom Krug, der (andere) Becher füllt. Wenn der Krug nicht gepflegt wird und sorgsam behandelt, geht er kaputt und dann werden auch die Becher nicht mehr gefüllt.

 

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2016






(Visited 13 times, 1 visits today)
16 Sep

Das Buch vom Glück (Therapeutische Geschichte)

 gewidmet Diana Grabowski

Eine Freundin von mir hatte einmal eine längere Reise durch die Welt – vor allem durch Asien unternommen. Als sie zurück kam, schien sie mir verändert. Irgendwie war sie ausgeglichener, zufriedener und konnte trotz aller Spontaneität und Frohsinns, in sich ruhen.

Etwas auf dieser Reise musste sie glücklicher gemacht haben. Ihr Gesichtsausdruck, ja ihre ganze Körpersprache hatten sich verändert. Und sie trug das Notizbuch stets mit sich, dass ich ihr vor der Reise geschenkt hatte – ein dickes Notizbuch, um ihre Eindrücke festzuhalten. Nach ihrer Rückkehr hatte sie sich nochmals herzlich bei mir dafür bedankt – es hätte ihr Leben verändert. Ich weiß, dass sie anfangs alles für die Reisevorbereitung notiert hatte, um an alle Dinge zu denken. Aber wie könnte das ihr Leben verändert haben? Sie musste während der Reise etwas Besonderes erlebt haben.

Auf das Buch hatte sie geschrieben „Mein Buch vom Glück“. Ich bewunderte sie für ihr neues Leben – sie schien stets gut gelaunt und positiv. Nach einiger Zeit war meine Neugierde so groß, dass ich sie fragte, was es mit diesem Buch auf sich hatte. Sie hatte wohl bemerkt, wie sehr mich das Geheimnis dieses Buches interessierte. „Nun“, sagte sie und lächelte, „das Buch ist für mich ‘nur’ eine Erinnerungshilfe, an das, was mich meine Reise gelehrt hat. Nimm es Dir und lies es, wenn Du magst. Vielleicht gefällt es Dir ja.“

Auf den ersten Seiten waren tatsächlich die Notizen zu Visa- und Einreisebestimmungen, Dingen, die man auf Reise braucht und einige Reiseziele, die sie wohl ansteuern wollte. Plötzlich fiel mir eine Seite ins Auge, auf der seltsame Schriftzeichen oder Symbole standen und dahinter etwas in lateinischen Buchstaben, das ich jedoch nicht verstand. War sie etwa einem okkulten Bund beigetreten?

Ich blätterte weiter und es schien sich ein Muster zu ergeben. Offenbar waren es Namen in verschiedenen Sprache notiert und dahinter, wie man den Namen ausspricht. Zu jedem dieser Namen gehörte eine Geschichte und jede endete mit einer kleinen Weisheit, die sie für sich mitgenommen hatte. Oftmals waren es Begegnungen mit Menschen im Alltag, manche fröhlich, einige traurig und auch in Klöstern, Kirchen und Moscheen hatte sie Gespräche gefunden.

Auf den letzten Seiten hatte sie das zusammengetragen, was sie an Wichtigem für sich mitgenommen hatte. Es waren nicht so viele Worte, manche Fragen und andere Antworten und doch veränderten diese Worte mein Weltbild. Als erstes hatte sie die Frage einer alten Frau notiert, die sie am Anfang ihrer Reise kennenlernte und mit der sie sich wohl lange unterhalte hatte. Diese Geschichte hatte ich gelesen und wusste, wie lange sie zu dieser Frage überlegt hatte.

· „Wer ist der wichtigste Mensch in Deinem Leben?“ – Ich. Nur wenn ich mich achte und auf mich achte, kann ich für andere da und mit anderen sein.

Zunächst schien mir diese Antwort egoistisch und dann aber war sie für mich so klar, liebevoll und wahr.

Da waren so viele Erlebnisse und Geschichten – einige davon habe ich mir für mich notiert:

· „Ich entscheide in meinem Leben, ob ich glücklich bin. Die Dinge sind wie sie sind – Taten, Worte, Ereignisse – meine Bewertung davon bestimmt meine Gefühle.“

· „Mach alles in Deinem Leben in Liebe – in Liebe mit und zu Dir und in Liebe zu anderen.“

· „Wenn man etwas wirklich will, können Wünsche und Träume wahr werden.“

· „Unzufriedenheit beginnt mit dem Vergleichen.“

· „In Frieden mit uns selbst und anderen kommen wir, wenn wir akzeptieren, dass unsere Realität regelmäßig aus Meinungen und Wahrnehmungen besteht und nicht aus Wahrheiten und Fakten.“

· „Kein anderer Mensch macht mich glücklich. Er kann nur Bedürfnisse befriedigen, die ich habe. Emotionen entstehen immer in und aus mir selbst heraus.“

· „Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, immer glücklich sein zu wollen, sondern zu fröhlich zu sein, wenn es möglich ist und Tränen zu weinen, wenn wir traurig sind. Jede Emotion hat ihren Platz im Leben.“

· „Ein Lächeln ist entwaffnender als eine Hand.“

· „Mein Leben ist ein Geschenk. Da ich nicht weiß, wie viel Zeit mir bleibt, will ich jeden Moment nutzen, genießen und bestmöglich leben.“

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2016

Ich verschlang die Geschichten und verstand immer mehr, was sie verändert hatte. Es war fast so, als wäre ich bei ihrer Reise dabei gewesen. 3 Jahre später unternahm ich meine eigene Reise, fand mehr zu mir und kam als ein anderer Mensch zurück.

 

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2016)

 

 

(Visited 53 times, 1 visits today)
13 Sep

Trainer im Institut Christoph Mahr

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 20165. bis 9. September 2016 Block IPT-Basiskurs (Integrative Psychotherapie) im Institut Christoph Mahr, Berlin-Charlottenburg

Im aktuellen Basiskurs durfte ich neben dem Institutsinhaber Christoph Mahr Teile der Ausbildung (Hypnose, hypnotische Sprache, Verankerung von Ressourcen) als Trainer übernehmen.

Integrative Psychotherapie ist ein Schulen- und Methodenübergreifender Ansatz, der den Anspruch verfolgt, die Erkenntnisse aktueller Psychotherapie- und Hirnforschung erfolgreich umzusetzen.

Moderne Psychotherapie fragt nicht danach welches Therapieverfahren besser oder schlechter ist, sondern, wie lassen sich die unterschiedlichen Therapiekonzepte nutzbar machen um Behandlungserfolge zu realisieren. Entsprechend orientiert sich das Konzept Integrative Psychotherapie an den übergeordneten und empirisch abgesicherten fünf Wirkfaktoren:

· Therapeutische Beziehung
· Ressourcenaktivierung
· Problemaktualisierung
· Motivationale Klärung
· Problembewältigung

Aus wissenschaftlicher Sicht, sind sie der Kern integrativen Denkens und Handelns. Jedes einzelne Therapieverfahren hat seine Stärken, und so ist es selbstverständlich, dass diese sinnvoll zusammengeführt eine viel größere und ganzheitlichere Kraft entwickeln und folglich auch ein weitreichenderes Spektrum abdecken.

Bei dem hier genannten Konzept, handelt es sich um eine logische und sinnvolle Zusammenführung von Modellen und Methoden verschiedener Ansätze mit den Schwerpunkten: Schematherapie, Gesprächstherapie, Gestalttherapie, Hypnotherapie, Transaktionsanalyse, systemische Familientherapie und der Neuro-Linguistischen Psychotherapie. Weiterhin gehören dazu die Logotherapie, die Existentielle Psychotherapie sowie verschiedene eigene Entwicklungen. Dieses Konzept ist emotionsfokussiert, lösungsorientiert und integriert durch sein Menschenbild alle psychotherapeutischen Grundrichtungen. (Text mit Genehmigung des Instituts Christoph Mahr)

Es war eine tolle Erfahrung, die Kompetenzen der Teilnehmer von Tag zu Tag wachsen zu sehen und daran mitwirken zu dürfen. In dieser ersten Ausbildungsstufe werden verstärkt die Wirkfaktoren Therapeutische Beziehung und Ressourcenaktivierung behandelt und in den zahlreichen praktischen Übungen (als Klient, Therapeut und Beobachter) trainiert.

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2016

Einige Teilnehmer des Basis-Kurses

Ich danke Christoph Mahr, den BegleiterINNEn und den Teilnehmer für eine inspirierende Woche und diese wundervolle Erfahrung. Allen Teilnehmern – weiterhin viel Erfolg und Freude auf ihrem Weg. Ich freue mich auf weitere Trainings, die bereist geplant sind.

 

(Visited 84 times, 1 visits today)
30 Aug

Die Sonnenblume (Therapeutische Geschichte)

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2016

gewidmet Christiane Krohn

 

Wenn man eine Therapeutin besucht, hat das meistens einen guten bzw. meist nicht so guten Grund. Manchmal sind es Fragen oder Probleme, die man allein nicht bewältigen kann. Ich wollte einen Termin für den nächsten Tag vereinbaren und wusste nicht, dass das ihr Geburtstag ist.

 

Es war schon später Nachmittag, doch sie merkte gleich, dass mir etwas auf der Seele brannte. Sie bot mir einen Termin noch am selben Tag am frühen Abend an.

Auf dem Weg zur U-Bahn kam ich an einem Blumenladen vorbei. Ich sah verschiedene Sträuße – und hatte aber gleich einen Impuls – einen Sonnenblume sollte dabei sein. Ich hatte schon einen Strauß in der Hand, da fragte ich den Verkäufer, ob er auch Sonnenblumen im Topf hätte. Er zeigte mir draußen vor dem Laden einige und ich entschied mich dafür und wählte noch einen Übertopf. Wenn auch einen Tag zu früh, wollte ich -nun wo ich es wusste- meine Wertschätzung ausdrücken und zumindest eine kleine Aufmerksamkeit zum Geburtstag mitbringen.

Mit der Blume in der Hand machte ich mich auf den Weg. Das letzte Stück fuhr ich Bus. Da ich sowohl bei der U-Bahn als auch beim Bus Glück hatte und kaum Wartezeit, war ich etwas früher da. Zugegeben ich bin selten unpünktlich – aber so hatte ich noch ca. 20min und brauchte nur 5min bis zu ihrer Praxis. Nahe der Bushaltestelle ist ein kleiner Park mit einem See und einigen Bänken. Dort wollte ich noch etwas im Schatten warten.

Vor einer Bank saß ein älterer Mann im Rollstuhl. Als er mich mit der Sonnenblume in der Hand sah, schaute er mich an. Es ging mir nicht gut – und vermutlich sah man das deutlich. Ich lächelte ihn trotzdem an. „Eine Sonnenblume – eine gute Wahl.“, sagte er zu mir, “… als Entschuldigung ?“ Ich blickte ihn fragend an. „Du siehst so aus, als hättest Du etwas ausgefressen und wolltest Dich entschuldigen. Die ist doch für eine Frau? Naja, Männern schenkt man ja keine Blumen. Die können damit ja nicht viel anfangen.“, grinste er. Ich nickte, “… aber diese ist zu einem Geburtstag“, entgegnete ich ihm. Dann setzte ich mich auf die Bank. Ich hatte ja noch etwas Zeit.

„Ich habe auch schon mal Blumen bekommen, aber naja. … Ich habe welche auf meinem Balkon. Also eher wilde … hab ein paar schöne Gräser von der Wiese ausgesucht und ein paar Blumen, so blaue … und Gladiolen. Sieht ganz schön aus.“ Er zählte mir einiges und ich hörte zu. „Die Sonnenblume würde da wohl auch reinpassen.“, erwähnte er in einem Nebensatz. Ich überlegte kurz, „diese ist leider schon vergeben, die kann ich nicht verschenken.“ Es tat mir ein bisschen leid. „Nein, nein…“, sagte er schnell, „ich will die Sonnenblume ja gar nicht. Und Du hast mir schon doch etwas geschenkt …“, lächelte er. Wieder blickte ich ihn fragend an.

„Etwas von Deiner Zeit und Aufmerksamkeit. … Ich sitze oft hier … und selten setzt sich jemand zu mir.“ Ich lächelte und für einen Moment vergaß ich meine Probleme. Ich bin es gewohnt, Menschen zuzuhören – doch für diesen Mann bedeutete es mehr.

„Ich wünsche noch einen schönen Tag.“, verabschiedete ichmich, bevor ich aufbrauch. „Danke, Junge. Und mit der Blume hast Du Geschmack bewiesen. Ich hoffe, sie gefällt ihr auch.“, grinste er wieder. Als ich mich ein letztes Mal umdrehte, sah ich ein Lächeln in seinem Gesicht…

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2016)

 

 

(Visited 76 times, 1 visits today)
30 Aug

Brombeeren (Therapeutische Geschichte)

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2016

 

Ein Mann ging zum Arzt. Als dieser ihn sah, schaut er ganz besorgt, „Kasper, was ist denn mit Dir passiert – Du siehst ja furchtbar aus.“ Kasper hatte völlig zerkratzte, wunde Hände und sah sehr übermüdet aus.

„Alles wegen der Brombeeren!“, schnaubte er dem Arzt entgegen.

„Wegen der Brombeeren?“, fragte der Arzt nach.

„Gestern gegen Zwölf kam meine Nachbarin vorbei und erzählte, dass meine Brombeeren im Garten reif sind. Da wir immer gegen 1 Uhr essen, bin ich gleich los geradelt.“, berichtete Kasper.

„Aber brauchst Du nicht fast zwanzig Minuten, bis zu Eurem Garten?“, fragte der Arzt.

„Ja, deshalb wollte ich auch gleich los. Und sie waren schon reif – gut reif.“, erzählte Kasper weiter.

„Und ich dachte, Du magst keine Brombeeren, weil Du sie nicht verträgst.“, hakte der Arzt nach.

„Mag ich auch nicht, aber ich war ja nun schon im Garten. Ich wollte nicht, dass sie sauer oder faul werden. Da hab ich sie gegessen. Und weil ich sie nicht so mag, hab ich sie schnell gegessen – und mir dabei die Hände zerkratzt. Zuhause bekam ich dann immer stärkere Bauchschmerzen. Dabei hätte es Braten gegeben. Und abends konnte nicht einschlafen, weil mir der Bauch so weh tat. Ich war die ganze Nacht wach. Heute morgen war ich total müde – wie gerädert … und dann hatte ich diesen Blähbauch … und jetzt ist mir schrecklich übel, Doktor.“, jammerte Kasper.

Der Arzt sah in mitleidig an, „Das wird schon wieder, Kasper, aber Brombeeren solltest Du zukünftig vermeiden.“

„Ich weiß ja, Doktor. Alles wegen der Brombeeren …“

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2016)

 

 

 

(Visited 50 times, 1 visits today)
25 Aug

Die Welle (Therapeutische Geschichte)

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2016

Die Welle (Therapeutische Geschichte)
Inspiriert durch Jessica Thormann

 

Ich war schon immer „Wassermann“. Einerseits bin ich in diesem Sternzeichen geboren, andererseits habe ich schon immer eine besondere Verbindung zum Wasser. Schon als Baby wollte ich im und am Wasser spielen. Später entdeckte ich das Tauchen und Surfen für mich.

„Wasser spendet Leben“, sagt man. Für mich spendet es auch Ruhe und Frieden. Es zeigt mir die sanfte Kraft von Ausdauer, Beharrlichkeit und fließender Bewegung – im Fluss sein. Wenn ich mich ihm anvertraue, trägt es mich und bringt mich weiter.

Eins zu werden mit dem Wasser, seine weiche und doch kraftvolle Energie zu spüren und eine neue Welt zu erleben – das hat mich immer fasziniert und begeistert. Beim Tauchen konnte ich in eine neue, fremde und beeindruckende Welt ‘eintauchen’ und mich schwerelos bewegen. Die Unterwasserwelt bietet so viele Eindrücke an farbenfrohen und eigenartigen Pflanzen und Lebewesen, so dass man auch nach einigen Tauchgängen nicht genug davon bekommt.

Wie viel Kraft Wasser hat, weiß jeder, der schon einmal von einer Welle erfasst wurde. Als junger Mann bin ich bei Wellengang -um (m)einer Frau zu imponieren- ins Wasser gegangen. Beim Rausgehen spülte mir eine zurückfließende Welle am Ufer den Boden weg und eine zweite vom Meer kommende ließ mich -unfreiwillig- einen Salto ins Kiesbett machen.

Beim Surfen kann man die Kraft des Wassers ebenso spüren und für sich nutzen. Gleichgewicht, Körperspannung und -beherrschung sind erforderlich, um auf den Wellen zu reiten und durch das Wasser zu gleiten. Vor einigen Jahren hatte ich einen Unfall beim Surfen, der mir einen mehrtägigen Krankenhausaufenthalt und eine Narbe am rechten Bein bescherte. Auch wenn ich schon einige Erfahrungen hatte, kann man das Wasser nie 100%ig beherrschen. Eine solche Naturgewalt kann einen Demut lehren und Grenzen zeigen. Ich hatte sie für einen Moment unterschätzt.

Seit jenem Tag hatte ich einen neuen Begleiter an meiner Seite, wenn ich im Wasser war – meine Angst, mich nochmals zu verletzen und eine Narbe, die mich daran erinnerte. Ich nannte die Angst „Vorsicht“ und suchte mir nur noch ungefährliche Surfspots, wo ich zwar nicht mehr dieses großartige Gefühl von Freiheit, Verbindung zur Natur und Flow fand, aber mich sicher fühlte. Meine Angst wollte mich beschützen, schränkte mich aber auch ein – ich verlor ein Stück Freiheit.

Eines Tages saß ich auf einer Bank an einem See und sah, wie ein Mädchen mit einem Welpen und „seinem“ Ball spielte. Bei einem etwas zu kräftigen Wurf fiel der Ball ins Wasser und trieb dort. Der Welpe lief an das Seeufer und ich konnte ihm ansehen, dass das Wasser ihm Unbehagen machte. Ich kann nicht sagen, ob es neu für ihn war oder er eine schlechte Erfahrung gemacht hatte, aber es zog ihn zum Ball – doch so bald seine Pfoten das Wasser berührten schreckte er zurück. Das Hin und Her sah fast wie ein Tanz aus. Das Mädchen sah es, schritt jedoch nicht ein.

Der Welpe fiepte und jaulte eine Weile. Doch dann sprang er in den See und wie von allein paddelte er – paddelte auf den Ball zu, schnappte ihn und kam zurück. Erst wedelte nur der Schwanz – dann der ganze Hund. Er schüttelte sich trocken und mich nass. Das Mädchen lobte ihn und hatte wohl meinen fragenden Blick bemerkt – “…er sollte von sich aus die Erfahrung machen, dass Wasser für ihn kein Hindernis ist“, sagte sie. Der Welpe stand mit dem Ball im Maul vor dem Mädchen und schaute immer wieder auf den See. Diesmal warf das Mädchen den Ball bewusst ein paar Meter in den See. Und der Welpe sprang sofort hinterher. Er schien Gefallen daran gefunden zu haben.

Mir wurde in dem Moment bewusst, was der Welpe mich gelehrt und ich zu tun hatte.  Am nächsten Wochenende besuchte ich eine Surfschule, sprach mit dem Trainer und schilderte ihm meinen Unfall. Wir erarbeiteten, wie es -voraussichtlich- dazu gekommen war und übten die schwierigeren Manöver, die ich lange vermieden hatte. Zu meinem Glück hatte der Trainer auch einige Erfahrungen in Mentaltraining aus seiner „aktiven“ Surferzeit. So lernte ich Achtsamkeit, Vorsicht und Angst zu unterscheiden und mich auf das zu konzentrieren, was ich will – anstelle dessen, was ich nicht will.

Bei meinem nächsten Urlaub war es dann so weit. Ich wollte wieder erleben, was mir Spaß machte und stieg auf das Board.

Und dann sah ich sie … meine Welle. Es war wie eine Einladung des Wassers und eine Versöhnung mit meiner Angst.

 

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2016)

 

 

(Visited 51 times, 1 visits today)