18 Okt

Das weise Orakel (Therapeutische Geschichte)

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2016

Ein junger König wollte einst sein Schloss vergrößern und noch edler gestalten. Also fragte er seinen Bauminister und Finanzminister, wie hoch die Kosten dafür wären und wie hoch das königliche Vermögen geschätzt würde. Die beiden kamen zu dem Ergebnis, dass das königliche Vermögen nicht ausreicht, um das Bauvorhaben abzudecken.

Also fragte er seine versammelten Minister, wie man das erforderliche Geld beschaffen könne. Der Finanzminister schlug vor, die Steuern zu erhöhen. Jedoch könnte die Bevölkerung dann möglicherweise einen Aufstand planen. Der Kriegsminister schlug vor, Eroberungszüge zu finanzieren. Aber diese würden zunächst Geld kosten und es bliebe offen, wann und wie viel man erobern würde. Und man würde das friedliche Verhältnis zu den Nachbarn aufgeben und das Vertrauen verletzen. Keiner der Minister konnte einen Vorschlag unterbreiten, der dem König zusagte.

Der junge König wusste nicht weiter und ritt in den Wald, um zu überlegen. An einem hellen, aber schattigen Plätzchen vor einem Berg setzte er sich und hoffte auf eine weise Eingebung. „Was soll ich nur tun? Das Geld reicht nicht. …“ sprach er vor sich hin. Plötzlich hörte er eine Stimme aus der Höhle „Warum?“. Er erschrak und schaute in die Höhle, konnte jedoch niemanden sehen.

„Nun … vielleicht ist es ein weises Orakel, welches mir bei der Lösung helfen kann.“, dachte sich der junge König und fand, dass es eine gute Frage sei. Also antwortete er “… weil die Kosten für den Umbau des Schlosses so hoch sind.“ Und wieder hörte er „Warum?“ aus der Höhle. Wieder überlegte er, „weil ein größeres Schloss nunmal mehr kosten und ich will es größer haben!“ Kaum ausgesprochen hörte er wieder die Stimme „Warum?“ Zunächst war er verärgert und dann überlegte er. Warum wollte er das eigentlich? Und er würde trotzig “… weil ich der König bin !“ Da hörte er wiederum die Stimme „ein König ?““Ja, der König dieses Landes. Ich regiere dieses Land und beschütze die Einwohner. Ich sorge für Recht und Ordnung!“ rief er in die Höhle.

Und als er es ausgesprochen hatte, sank er zu Boden und erkannte, dass sein „großes Problem“ nur deshalb bestand, weil er aus einen Geltungsbedürfnis heraus etwas erbauen wollte, was gar nicht nötig war. Er war der König und daher entschied er einfach, das Schloss nicht größer zu bauen und war zufrieden. „Danke, ich habe verstanden, weises Orakel. Vielen Dank. Wie kann ich Dir nur danken?“ rief er in die Höhle. „Danke“ hörte er die Stimme sagen.

Das ist wirklich ein weises Orakel und es lebt bescheiden und lehrte mich Demut vor meiner Aufgabe und was es heißt, König zu sein. Und das mit so wenigen Worten – aber entscheidenden Fragen. Dann er ritt zufrieden und glücklich wieder in sein Schloss und wurde ein weiser König.

Am Abend kam ein Bauer zu dem Berg mit der Höhle und ging ein Stück um ihn herum. Die Höhle hatte an der Seite eine kleine Öffnung nach draußen, die wie ein kleiner Verstärker wirkte. Dann nahm er sein Kind aus einem kleinen Verschlag, das er dort zum spielen hinterlassen hat. Es war dort geschützt und liebte diesen Ort.

„So wir gehen jetzt heim.“, sagte er und nahm das Kind auf den Arm. Und das Kind schaute ihn an und fragte „Warum?“.

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2016)

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Das weise Orakel (Therapeutische Geschichte)

Ein Gedanke zu “Das weise Orakel (Therapeutische Geschichte)

  1. Lieber Herr Zöhl,

    das ist eine schöne Geschichte, die zeigt, dass wir oft auf dem falschen Dampfer fahren. Und diese Warum-Frage im Zusammenhang mit Geld und materiellen Dingen ist ja besonders interessant.

    Ich persönlich finde, dass die meisten von uns keine gesunde Geld-Beziehung haben. Geld spiegelt aus meiner Sicht die Wertschätzung für mich selbst und auch andere wieder. Und in diesem Sinne sollte Geld auch eingesetzt werden: Entweder gebe ich es für mich aus und verbessere so meinen Selbstwert – eine Ausbildung, ein Coaching oder auch schöne Kleidung die ich gerne trage. Und ich gebe es an andere weiter, aber nicht mit der Haltung „Geiz ist geil“ sondern danach was der andere für seine Arbeit/seine Unterstützung wirklich verdient.

    Vielen Dank für den Gedankenanstoß am Morgen
    Martina Baehr

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Das weise Orakel (Therapeutische Geschichte)