22 Sep

Die Grollmücke (Therapeutische Geschichte)

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2016

 

Der kleine Tristan war häufiger verärgert und grummelte dann vor sich hin. Heute war wieder so ein Tag. Sein Opa sah es und setzte sich neben ihn ins Gras. „Na meen Jung, watt is denn ?“, fragte der alte Matrose seinen Enkel und lächelte gütig.

 

„Ach Opa, ich ärgere mich …“, antwortete Tristan. „Wie datt?“, fragte der Opa weiter. „Ich wollte doch heute mit Naomi spielen und wir wollten uns hier treffen. Aber sie ist nicht gekommen. Erst dachte ich, dass ihr etwas passiert sein könnte und bin zu ihrem Haus gegangen. Da war sie aber auch nicht und auch keine Notiz. Ich dachte, sie spielt auch gerne mit mir. Aber vermutlich mag sie mich nicht oder hat es vergessen. Vielleicht spielt sie auch mit einem anderen. Das ärgert mich jetzt voll. Ich bin total sauer auf sie …“ sagte Tristan und stampfte mit dem Fuß auf den Boden.

 

Der Opa schaute ihn an und sagte „Joah meen Jung, da hat di woll ne Grollmücke jestochen“. „Eine Grollmücke“, sah ihn Tristan fragend an. „Jipp, de kleenen Dinger pieksen eenen manchmol … und denn denkst de an dee komischsten Dinge und ärgerst di …“, sagte der Opa mit einem kleinen schelmischen Grinsen in seinem von der Zeit und dem Meerwind gezeichneten Gesicht.

 

Tristan dachte kurz darüber nach. Das würde vieles erklären … schon häufig hatte er sich geärgert, auch über Naomi. Meistens war es im Nachhinein halb so wild, kleine Missverständnisse und spätestens, wenn Naomi lächelte, war er ihr nicht mehr böse. Aber in den Momenten, wenn er sich sorgte oder sich ärgerte, dachte er nicht mehr daran. Grollmücken … die würden das alles erklären.

 

„Und was mache ich nun gegen Grollmücken?“, wollte Tristan wissen. „Nu, du krichst dat ja nich mit, wenn de jestochen wirst von de kleenen Viecher – abba … wenn de spürst, dat de Groll hochkommt – und se dich woll jepiekst haben – frog di mol, ob det wirklich stimmt, watt de da grod so denken tust … un erinner dich an de schönsten Momente mit de‘n Menschen“, sagte der Opa, „dann heilt de Stich un … von mal zu mal würst de immun gegen de kleenen Biesta“.

 

Plötzlich kam Naomi um die Ecke und grinste Tristan an. Der war noch so nachdenklich, dass er fast vergessen hatte, wie sauer er doch war … war er es noch? „Ich hab uns noch Äpfel gepflückt“, lächelte ihn Naomi an, „kommst Du spielen?“ „Ich bin immer noch ganz schön …“, Tristan hielt kurz an, „… froh, dass Du da bist“, versuchte er zu lächeln. Er spürte, wie der Stich der Grollmücke heilte.

 

Es dauerte noch eine Zeit und die Grollmücken stachen Tristan noch ein paar Mal, aber er lernte mit jedem Mal und immer schneller, wie die kleinen Piekse heilen konnten.

 

Eines Tages ging er zu seinem Opa, umarmte ihn und sagte „Opa, vielen Dank. Du hast mir sehr geholfen. Heute pieksen mich die Grollmücken nicht mehr“.

 

Und der alte Matrose lächelte zufrieden …

 

 

 

© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2016

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