15 Mrz

Die kleine Träne (Therapeutische Geschichte)

Die kleine Träne (Therapeutische Geschichte)

 
© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2017
Die Gedanken – verschworen,
in Schuld und Scham – vergoren,
ihr letztes Wort – in den Ohren,
eine Liebe – verloren,
mein Herz – eingefroren.

Aus der Seelentiefe – hinter Toren
in Schmerz – geboren,
als Symbol – auserkoren

 

… fließt eine kleine Träne aus dem Winkel des Auges zögerlich meine Wange herunter.

Traurigkeit, Schuldgefühle und Hoffnungslosigkeit ließen sie zäh werden und bitter. Das heiße Salz brennt tiefe Furchen in das Gesicht. Die kleine Träne versteht nicht, warum sie sich so verbittert fühlt und spricht.

„Ich fühle so viel Wärme in mir und trage Deine Trauer in mir. Diese Aufgabe, Deinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, übernehme ich gerne. Ich spüre, dass ich für etwas sehr bedeutungsvolles stehe, etwas was Dir in Deinem Leben sehr wichtig ist … oder war. Vielleicht in Deinem Herzen immer wichtig bleiben wird – als Erinnerung. Nur warum bin ich so bitter, wo ich doch durch Liebe geboren wurde?“, fragte die kleine Träne.

Eine Stimme in mir antwortete „… weil ich sie verloren habe, diese Liebe … zu ihr, weil unsere Wege nicht mehr nebeneinander verlaufen und ich das Glück nicht mehr spüren kann.“

„Du hast jeden Moment mit ihr genossen und warst glücklich …“, sagte die kleine Träne, der schon viele Schwestern gefolgt waren, „Lass mich Deinen Schmerz tragen. Wenn ich die Wange herunter gereist bin und auf den Boden falle, ist meine Zeit vorbei. Ich werde trocknen und in den ewigen Kreislauf zurückgehen. Lass meine kurze Zeit nicht umsonst gewesen sein. Deine Zukunft hält noch so vieles für Dich bereit. Erinnere Dich an mich, aber vor allem erinnere Dich an die Zeit, die Du hattest … mit ihr.“

Kurz bevor sie sich von der Wange löste und ihren freien Flug begann, spürte sie etwas Wundervolles. Ein Gefühl von Wärme, Freiheit und Liebe machte sich in ihr breit. Und dann fühlte sie es … Dankbarkeit für eine besondere Zeit.

In ihrem letzten Moment, in dem sie mit mir verbunden war, hatte sie es geschafft und ich fühlte eine unglaubliche Dankbarkeit für eine wunderschöne Zeit mit einem besonderen Menschen. Erinnerungen kamen in mir hoch und ließen mich unter Tränen auch ein wenig lachen. Mein Leben ändert sich – jeden Tag, doch die Erinnerungen und die Dankbarkeit bleiben …

 

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2017)

 

 

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