04 Okt

Die Wut-Nuss (Therapeutische Geschichte)

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2016

Die Wut-Nuss (Therapeutische Geschichte)

gewidmet S.I.N.

In einem Land fern von hier stand ein großer, alter Baum. Kein Mensch wusste mehr, wie er hieß – vielleicht hatte er auch nie einen Namen. Aber es war ein sehr besonderer Baum und das wussten die Menschen in der Gegend. Je nachdem, mit welchen Gedanken und Gefühlen die Menschen zu dem Baum kamen, schmeckten die Früchte anders und nahmen eine andere Form, Farbe oder Konsistenz an.

Verliebte gingen gern zu dem Baum, dann schmeckten beiden die Früchte süß und lecker und waren farbig und es prickelte noch Tage lange. Auch Geburtstagskinder erfreuten sich an den bunten und saftigen Früchten. Für Trauernde schmeckten die rauen Früchte anfangs bitter und salzig wie Tränen und später mild. Doch sie stärkten sie sehr und gaben etwas Trost und Hoffnung. Wenn sich der erste Liebeskummer zeigte, gingen die Mütter oft mit Ihren Kindern zu dem Baum. Die Früchte waren dann zwar anfangs hart und furchtbar sauer, aber das innere der Frucht schmeckte einzigartig, wenn man ein paar Tage wartete. Die Früchte konnten auch Kraft spenden, Zuversicht, Mut oder Gelassenheit.

Manche Menschen mieden den Baum jedoch, denn bei Neid und Missgunst stanken die Früchte ganz widerlich und schmeckten zum Erbrechen. Für andere, die aggressiv oder rachsüchtig waren, brannten die Früchte auf der Zunge wie scharfer Chili.

Eines Tages kam die kleine Ira an dem Baum vorbei. Gerade hatte sie sich mit ein paar Kindern gestritten und war sehr wütend, dass diese nun nicht mehr mit ihr spielen wollten. In ihrer Wut trat sie gegen den Stamm des Baumes. In dem Moment viel ihr eine Frucht auf den Kopf. Die war hart und ihr kleiner Kopf tat ihr weh. „Na warte“, dachte sich Ira und wollte die Frucht auf den Boden schleudern und zerschmettern. Aber die Frucht hatte kleine Stacheln und als Ira sie schleudern wollte, stach sie sich damit selbst in die Hand. Die Frucht hatte eine harte Schale und begann in ihrer Hand zu zappeln und wild zu springen, sobald Ira sie in ihre Hände nahm. Und sie wurde dunkler, je länger sie Ira in den Händen behielt.

Sie nahm sie mit nach Hause und zeigte sie ihrer Mutter. Diese schaute sie an, “Oh…eine Wut-Nuss… Was ist passiert?“, fragte die Mutter. Ira erzählte von ihren Erlebnissen und zeigte die kleine Beule am Kopf und ihre kaputten Händchen. „Du musst an den Kern gelangen.“, sagte die Mutter zu ihr. Ira versuchte, mit einem schweren Buch die Schale zu knacken, aber es gelang ihr ebenso wenig, wie mit den heißen Feuerhaken oder der Säge. Die Mutter riet ihr, sich die Wut-Nuss genau anzuschauen. Ira ging mit der Nuss ans Licht und legte sie vor sich. Das Zappeln der Nuss wurde weniger. An einer kleinen Stelle entdeckte Ira ein kleines Löchlein und eine weiche Stelle. Mit einen kleinen Messerchen piekste sie vorsichtig in diese Stelle und plötzlich knackte die Schale in zwei gleiche Hälften. Diese zerbröselten dann wie von allein.

In der Nuss war ein kleiner Käfer gefangen gewesen, der sie kurz betrachtete und dann davon flog. Er war sehr schön anzusehen, als er flog. Plötzlich fing Ira an, zu weinen … Der schöne Käfer war weg.

Auch ihre Wut war weg … irgendwie war sie wohl schon die ganze Zeit eigentlich traurig.

 

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2016)

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