09 Okt

Fendur – Der große Schrecken (Therapeutische Geschichte)

Fendur – Der große Schrecken
(Therapeutische Geschichte)

 

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2017

Jörn würden wohl viele als ängstlich beschreiben. Er jedoch sah sich als vorsichtig und zurückhaltend. Er bekam gerne mal Angst in ungewohnten Situationen, wenn er z.B. allein vor den anderen etwas sagen musste, wenn er irgendwo neu war und niemanden kannte oder wenn er durch dunkle Straßen nachts allein ging. Dann spürte er, wie sein Herz schneller schlug, der Puls klopfte und sein ganzer Körper kribbelte und angespannt war. Er mochte die Angst nicht. Dann fühlte er sich klein und hilflos. Er hasste die Angst und er hasste sich dafür, wenn er sie spürte. Auch das flaue Gefühl im Magen und die zittrigen, feuchten Hände mochte er so gar nicht.

 

Wenn er vor anderen etwas sagen musste, ob in Prüfungen oder als Rede, war er auch sehr nervös. Das kannte er schon aus der Schule. Früher als andere begann er zu lernen und bereitete sich vor. Dann, kurz vor der „Prüfung“ oder der Rede, kamen alle furchtbaren Gedanken hoch, was alles schief gehen könnte. Seine Angst war da sehr kreativ und sandte ihm immer mal wieder neue Schreckensszenarien: vom Blackout, über das Versagen der Stimme, einen Feueralarm, kaputte Hosen, Hunde, die plötzlich reingelaufen kämen und ihn anspringen, Stromausfälle bis hin zum Ausgelacht werden, war alles dabei. Manchmal waren auch sehr absurde Einfälle dabei – wie z.B. ein Wespennest, das von der Decke fallen würde, ihm auf dem Kopf landet und er gestochen wird. Im Nachhinein stellte er dann stets fest, dass es nie so schlimm war, wie er befürchtet hatte, meistens war er sogar richtig gut. Die anderen hatten seine Angst meist gar nicht bemerkt. Und doch versuchte er, diese Situationen zu umgehen, wenn es möglich war.

 

Eines Tages war es mal wieder soweit. Jörn sollte vor dem Kreis der Kollegen eine Rede halten. Schon eine dreiviertel Stunde vor dem Termin war er dort, hatte die Technik geprüft und ging in Gedanken seinen Vortrag nochmal durch. Er hatte sich auch überlegt, welche Fragen möglicherweise aufkommen könnten und sich darauf vorbereitet. Kaum saß er dort, ging es wieder los. Die Hände kribbelten, dann die Arme, dann der Rest und er spürte, wie sein Herz pochte und schneller schlug. „Ob das wohl gut geht? Ich will mich doch nicht blamieren.“, dachte er so bei sich. Plötzlich setzte sich eine junge Frau zu ihm und lächelte ihn an. „Na, aufgeregt?“, fragte sie Jörn, „Ich bin Milena, die neue Kollegin.“ „Als ob ich nicht schon aufgeregt genug bin, jetzt ist auch noch jemand so überpünktlich und dann auch noch eine unbekannte … Frau.“, dachte sich Jörn. „NEIN, ich … naja vielleicht ein bisschen angespannt.“, druckste er. „Ich bin Jörn.“, stellte auch er sich vor.

 

„Ich weiß. Du hältst gleich den Vortrag. … Wenn ich Angst habe, stelle ich mir manchmal vor, wie sie wohl aussehen würde, meine Angst“, sagte Milena. „DIESE Frau hat Angst?“, fragte er sich, „dabei sieht sie so tough aus. Vielleicht ist es ja gar nicht … vielleicht bin ich ja gar nicht so un-normal?“ Als Kind hatte er sich auch vorgestellt, wie sie wohl aussehen würde – seine Angst. „Fendur“ hatte er sie genannt. Sie war riesig groß und sah fürchterlich aus. Große rote Augen, die ihn anstarrten, ein grau-schwarzes Fell und riesige Klauen und Zähne. Er schloss für einen Moment die Augen und versuchte sich vorzustellen, wie seine Angst wohl aussehen würde. Sie sah für ihn wie ein riesiges Auge aus, was über ihm schwebte und auf ihn prüfend herabsah, mit großen Ohren und einem kleinen Mund, der unaufhörlich plapperte. Er konnte es hören: Was alles schief gehen könnte und ob er auch wirklich vorbereitet ist und dass er sich ja blamieren könnte und was wohl die KollegINNen denken werden, …

 

„Manchmal nehme ich dann Kontakt mit meiner Angst auf“, hörte er Milena sagen. „Was für eine verrückte Idee“, dachte er sich, aber er war auch neugierig. Also schaute er sich seine Angst an. Die Angst … war verblüfft, und das Auge ging noch weiter auf. Er konnte quasi ihre Gedanken hören: „Er sieht mich, … er nimmt mich tatsächlich wahr und versucht mich nicht gleich wegzuschubsen.“ Das Auge kam näher … und wurde dabei erstaunlicherweise kleiner (!). Auch der quasselnde Mund verstummte. Je näher das Auge kam, desto weniger bedrohlich schien es Jörn. Es schien sogar fast freundlich und lächelnd. Jörn war verdutzt, „Was passiert denn hier gerade?“

 

Als er erneut auf das Auge sah, war es kein Auge mehr, sondern ein kleines Männchen, das dem kleinen Jörn aus Kindertagen ein bisschen ähnlich sah. Jetzt wo das Männchen so klein war, wollte er seinen Frust herauslassen. „Warum tust du mir das an?“, fragte er das Männchen, „Warum machst du mich so fertig?“ Das Männchen grinste nur, “Weil ich auf dich aufpasse und dich beschütze.“ Jörn zuckte zusammen. „AUFPASSEN? …“, er wusste nicht, ob er lachen, wütend, traurig oder einfach nur erstaunt sein sollte. „Haste denn ma eine Prüfung vergeigt? Oder nen Vortrag in nen Sand jesetzt?“, fragte das Männchen schelmisch. „Ähm …“, Jörn überlegte kurz, „Nein … ABER …“ „Siehste“, warf das Männchen ein. Jörn war … überrascht. Es stimmte ja, dass er aufgrund seiner Vorbereitung stets gut war und auch alle Prüfungen bestanden hatte.

 

„Aber hast du dich mal gefragt, wie belastend das für MICH ist?“, fragte er. Das Männchen sah nun ihn erstaunt an, “belastend?“ „Um mich vorzubereiten, hätte ich nicht so viel Angst gebraucht …“, platzte es aus ihm heraus, „Warum konntest du nicht weniger riesig sein…“ Das Männchen zuckte mit den kleinen Schultern: „Du hast mich nie gefragt. Du hast mich immer weggeschoben. Dann bin ich größer geworden, … damit du mich nicht übersiehst.“

 

„Eigentlich wollte ich nur dein Freund sein und dir helfen.“, sagte das Männchen, das inzwischen auf seiner Schulter saß. „Du kennst mich schon lange …“, sagte das Männchen, “Weißt du noch damals in der zweiten Klasse, als du das Gedicht aufsagen solltest und nicht richtig gelernt hattest?“ Ein kalter Schauer fuhr Jörn über den Rücken. Plötzlich sah er sich wieder in dem Klassenraum, die Blicke seiner Mitschüler und der Lehrerin. Es war, als würde er diesen Moment nochmal durchleben. Er erinnerte sich an dieses sehr unangenehme Gefühl. So etwas wollte er nie wieder erleben. „War ja nicht wirklich schlimm.“, grinste das Männchen, “Aber seit dem passe ich auf Dich auf.“

 

Jörn verstand. „Könntest du dich mit deinem Schrecken und den ganzen sorgenvollen Gedanken nicht deutlich weniger zeigen?“, fragte Jörn, „Das würde Vieles für mich leichter machen.“ Das Männchen nickte, „Ja das kann ich. Aber ich habe dich … im Auge!“, zwinkerte es schelmisch. Jörn spürte wie der Druck, die Schwere und diese Enge in der Brust, die er auch immer gespürt hatte, plötzlich weniger wurden und er sich leichter und freier fühlte. Irgendwie fühlte sich die Angst jetzt ein bisschen wie Vorfreude an. Er bedankte sich bei dem kleinen Männchen und umarmte es. Dann spürte er, wie das Männchen, seine Angst, wieder ein Teil von ihm wurde und dass sie zu ihm gehörte – als Freund, Beschützer und Aufpasser. Es waren nur noch zehn Minuten bis zu seinem Vortrag und irgendwie … freute er sich jetzt darauf. Er war ja nicht mehr allein, er hatte einen kleinen Freund, der auf ihn aufpasste. Jörn wollte sich bei Milena bedanken und schaute sich um, doch entdeckte sie nicht. Die ersten Kollegen kamen schon, und er fragte, „Wo ist denn Milena?“ Sein Kollege sah ihn fragend an. „Die neue Kollegin…“, fuhr er fort.

„Welche neue Kollegin?“

 

[Diese Geschichte verdeutlicht auf bildhafte Art meine Arbeitsweise. Oftmals sind Ängste Freunde in schrecklichen Verkleidungen, die größer werden, um gesehen zu werden.]

 

 

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2017)

 

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2017

 

 

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Fendur – Der große Schrecken (Therapeutische Geschichte)

Ein Gedanke zu “Fendur – Der große Schrecken (Therapeutische Geschichte)

  1. Prima Geschichte.
    Und ein glücklicher Zufall. Die Methode kenne ich zwar bereits aus Psychologie Heute und habe selbst schon solche Angst-Personifizierung angewendet, aber die konkrete Geschichte kommt mir gerade recht, weil ich eben wieder einen Angstkunden hereinbekommen habe.

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