22 Feb

Zwei Brüder (Therapeutische Geschichte)

-gewidmet meiner Frau Elke-

 

Auf einem Hof oben in den Bergen, nur ein Stück vom Dorf entfernt, lebte ein Vater mit seinen zwei Söhnen. Hannes war der Ältere und Felix der Jüngere. Als sie klein waren, half Hannes der Mutter gerne in der Küche und war geschickt, die leckersten Speisen zu zubereiten und Felix half dem Vater gerne bei den Tieren und auf den Wiesen. Die Mutter war vor einigen Jahren verstorben und nur ein Rosenstock, den sie so geliebt hatte, erinnerte noch an sie. Die drei lebten gut von dem, was der Hof erwirtschaftete. So wie es Brauch war, wurde der ältere Sohn Bauer und der jüngere lernte Zimmermann und half so, den Hof zu erhalten. Die jungen Männer tanzten mit den Mädchen, liefen im Wettstreit mit den Männern im Dorfe und tranken gemeinsam ein Glas Wein.

Als der Vater eines Tages spürte, dass ihm nicht mehr viele Tage blieben, sagte er zu seinen Söhnen „Ich möchte, dass Ihr glücklich werdet. Macht mit dem Hof, was Ihr wollt und lebt Euer Leben. Ich war hier glücklich, solange Eure Mutter bei uns war – nun könnt Ihr es werden. Meine glücklichen Tage hier sind gezählt.“ Und es vergingen nur wenige Tage, bis sie ihn im Dorfe neben der Mutter zu Grabe trugen.

Als die Trauer langsam verblichen war, sprachen sie darüber, wie denn der Hof zu führen sei und wie sie den letzten Wunsch des Vaters erfüllen konnten. Sie überlegten, was ihm am besten entsprochen hätte und worüber er sich gefreut hätte. Über einige Jahre arbeiteten sie viel und hart und gingen immer seltener ins Dorf. Die Mädchen, mit denen sie getanzt hatten und auch die beiden, die sie jeweils ins Herz geschlossen hatten, schienen vergessen. Manchmal stritten sie sogar darüber, wie man den Vater glücklicher machen könnte – und wie der Hof zu verändern wäre. Eines solchen Abends, als sie wieder darüber diskutierten, ob der Wunsch des Vaters, in rechtem Maße erfüllt sei, kam eine alte Frau mit weißen Haaren vorbei. Und da sie schon etwas müde aussah, luden die beiden sie zu einem Nachtlager ein.

Während Hannes im Hause ein Abendmahl vorbereitete, setzte sich die Alte mit Felix vor das Fenster und sah der untergehenden Sonne zu. Dann fragte sie ihn, was für ihn Glück bedeutete. „Nun“, sagte er, „Glück wäre für mich, wenn ich die Marie aus dem Dorf gefreit hätte und die Hälfte vom Hof verkauft. Wir hätten ein Haus im Dorf gebaut und ich hätte als Zimmermann im Dorf ein gutes Auskommen gehabt. Manchmal gehe ich noch heimlich ins Dorf zu ihr. Aber ich weiß nicht, wie lange sie noch warten würde.“ Noch nie hatte er mit jemandem darüber gesprochen. Doch die Augen der Alten erinnerten ihn wohl an seine Mutter in Kindestagen. Die Alte blickte ihn an und fragte, warum er nicht täte, was er doch wolle. „Mein Vater hatte hier sein Glück gefunden und ich glaube, mein Bruder würde auch nie verkaufen wollen. Mein Vater sagte im Sterben, er wolle, dass wir glücklich werden, da kann ich doch nicht seinen Hof verkaufen.“ Die Alte blickte ihn wieder fragend an „und … bist Du glücklich ?“ Ein Glänzen kam in Felix’ Augen und er schluchzte. „Wenn es der Wunsch Eures Vaters war, dass Ihr glücklich werdet, solltest Du vielleicht nochmal überdenken, ob der Ort seines Glücks auch der Deines Glücks sein muss.“

Plötzlich fiel ein Kessel zu Boden und Felix lief ins Haus hinein . Drinnen hockte am Boden Hannes zusammengekauert. Er hatte alles durch das geöffnete Fenster gehört. „Und ich dachte, Du wolltest den Hof halten! Seit Jahren schleiche ich zur Anna ins Dorf und bin traurig, weil ich so selten zu ihr kann. Ich wäre so gerne als Wirt und Koch ins Dorf gegangen und die Schänke übernommen.“ Da fielen sich die Brüder in die Arme. Als hinaus gingen, um mit der Alten zu speisen, war diese spurlos verschwunden … nur eine Rose lag noch auf der Sitzbank vor dem Fenster.

Im Jahr darauf wurden zwei Hochzeiten gefeiert, die Schänke hatte einen neuen Wirt und das Dorf einen tüchtigen Zimmermann. Und als nach vielen glücklichen Jahren die beiden beerdigt wurden, stand auf dem einen Grabstein
„Sei ehrlich zu Dir und anderen und bleib Dir selbst treu“ und dem anderen „Dein Glück findest Du nicht in den Träumen anderer, sondern nur in Deinen eigenen.“

 
 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2016)
 
 

<class=“entry-title“> Praxis Der Zuhörer -Steffen Zöhl

(Visited 101 times, 1 visits today)
Zwei Brüder (Therapeutische Geschichte)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Zwei Brüder (Therapeutische Geschichte)