25 Okt

Der Seelenspiegel (Therapeutische Geschichte)

Der Seelenspiegel
(Therapeutische Geschichte)

 

Hoch oben auf einem Berg, dessen Spitze über den Wolken verborgen lag, so sagt man, befindet sich der Seelenspiegel. Er ist fest mit dem Berg verbunden, so dass jeder, der in ihn blicken will, den steinigen Weg auf sich nehmen muss. Dieser Berg musste einiges aushalten – Regen, Wind, Schnee und die Tritte derer, die ihren Weg auf ihm suchten. So veränderte er ständig sein Aussehen und auch der Spiegel war mal hier und mal dort zu finden. Jeder, der ihn finden wollte, musste seinen eigenen Weg zum Spiegel finden. Manche fanden ihn nicht gleich und kehrten um, andere fanden den Spiegel schon nach einiger Strecke. Und wieder Andere wollten lieber nicht in den Spiegel sehen.

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2017Niemand konnte erklären, wie der Spiegel funktionierte oder wie er zu finden war. Doch wer ihn einmal gefunden hatte, der fand ihn immer wieder. Manchmal in den Augen seines Gegenübers, in einem stillen Wasser oder der eigenen Reflexion.

Jeder Mensch beschrieb den Spiegel ein bisschen anders, doch für alle war er zunächst milchig-trüb und manchmal sogar verdunkelt. Auch wenn jeder vielleicht sein eigenes Bild vom Spiegel hatte, darunter waren stets die Worte „in animae veritas“ in den Stein gehauen. Und jeder der Erkenntnis suchte, sprach diese Worte und blickte in den Spiegel. Das was sie dort sahen, brachte manche zum Weinen, machte andere ärgerlich, mutig oder nachdenklich. Ganz gleich, welche Emotionen der Spiegel auslöste, nahm doch jeder für sich etwas an Erkenntnis an.

Eines Tages machte sich Philomena auf den Weg, um zu erfahren, warum sie nicht die Liebe fand, nach der sie sich so sehnte. Sie hatte sie schon so oft gesucht und war so oft enttäuscht worden. Stets fehlte ihr etwas – mal Halt und Sicherheit, mal Leidenschaft und Zärtlichkeit, mal Verständnis oder das Gefühl, geliebt zu werden. Sie war unglücklich und auch ein wenig sauer auf die Männer, die ihr nie die Liebe geben konnten, die sie sich doch so sehr wünschte. Der Herbstwind blies ihr kühl ins Gesicht und sie spürte, wie der Ärger in ihr wuchs, diesen Spiegel suchen zu müssen, um endlich Liebe zu erfahren. Manchmal schimpfte sie auch vor sich hin. Eines Tages, als sie des Suchens schon müde war, fand sie den Spiegel. Dann sprach sie die Worte, die ihr Erkenntnis bringen sollten „in animae veritas“.

Sie blickte hinein und war gespannt, was denn mit den Männern nicht in Ordnung gewesen sein könnte. Doch sie sah nur sich. Da berührte ihre Hand den Spiegel und der Spiegel zeigte ihr Bilder. In ihrem Spiegelbild waren ihre Augen trübe und … sie schien unvollständig. Es fehlten Körperteile in ihrem Bild, andere waren recht groß oder ziemlich klein. Plötzlich sah sie auch Männer im Spiegel. Auch diese schienen unvollständig. Bei manchen waren einige der Körperstellen, die ihr fehlten, recht groß oder besonders schön. Das schien sie auf eine Weise anzuziehen und doch störten sie die „Löcher“ bei den anderen.

An der einen Seite des Rahmens sah Philomena, wie eine kleine Raupe den Spiegel hinauf krabbelte. Die Raupe schien anfangs klein und schwach. Sie machte Pausen, doch dann krabbelte sie weiter und wurde größer und kräftiger, warf ihre Puppe ab und flog als wunderschöner Schmetterling davon. Sie sah, wie ihre Augen im Spiegel klarer wurden und begann zu weinen. Mit jeder Träne wurden ihre Augen klarer und auch Kummer floss ab. Sie sah nun im Spiegel, wie jede Begegnung im Spiegel ihr gezeigt hatte, was IHR fehlte. Bei jeder Begegnung hatte sie das Schöne im anderen entdeckt und bei sich als Mangel betrachtet. Jede Begegnung hatte auch etwas in ihr wachsen lassen oder gezeigt, wo es noch Wunden gab, die heilen konnten.

Und dann geschah es. Als ihre Augen sich klar geweint hatten, erkannte sie sich im Spiegel, konnte ihre Schönheit sehen und begann, sich zu lieben. Sie begann, ihre fehlenden und wunden Teile zu akzeptieren. Je mehr sie sich selbst liebte, desto mehr ließ die Liebe ihre Wunden heilen und sie konnte wachsen. Je mehr sie sich selbst liebte, desto mehr konnte sie sich selbst verzeihen, wenn sie sich oder andere verletzt hatte. Je mehr sie sich selbst liebte, konnte sie auch andere lieben und ihnen verzeihen. Je mehr sie sich selbst liebte, erkannte sie, dass es um zu lieben nicht wichtig war, ob der andere perfekt ist, sondern dass zwei Herzen zueinander passten.

Je mehr sie sich selbst liebte, fühlte sie Gewissheit, dass Liebe in ihr Leben gehörte und sie das Leben liebte. Je mehr sie sich selbst liebte, strahlte sie das nach Außen und fand kurze Zeit später die Liebe.

 

Als sie begann, sich zu lieben, wurde sie glücklich.

 

 

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2017)

 

 

 

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18 Okt

Das Lebens-Licht (Therapeutische Geschichte)

Das Lebens-Licht
(Therapeutische Geschichte)
-inspiriert von Jana –

 

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 201

 

Meine neue Geschichte “Das Lebens-Licht” ist auf nur-positive-nachrichten.de veröffentlicht. Inspiriert von einer Frau, deren Lebensgeschichte mich sehr beeindruckt hat.

Viel Spaß beim Lesen.

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2017)

 

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2017

 

 

… und dies ist der einhundertste Beitrag in meinem blog  :o)

 

 

 

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15 Okt

Lesung Weihnachtsgedichte 2.12.2017


Am Samstag, 2. Dezember 2017 ab 18:00 ist es wieder soweit :

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch für das leibliche Wohl wird gesorgt.
Wir freuen uns auf dich.

Teilnehmerzahl begrenzt.
Um Anmeldung wird gebeten.

 

Praxis für Ayurveda und Hypnose Franziska Heyn
Degnerstraße 3, 13053 Berlin

Facebook-Seite  Franziska Heyn

Facebook-Seite Praxis Der Zuhörer

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2017)

 

 

 

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14 Okt

Der Tränenstein (Therapeutische Geschichte)

Der Tränenstein
(Therapeutische Geschichte)

 

Eines Tages fand Simon einen Stein – mitten auf der Wiese neben seinem Haus. Der Stein schimmerte in vielen Farben. Er gefiel ihm und Simon nahm ihn mit. Vielleicht könnte er ihn Kiana schenken, um ihr nochmals zu zeigen, wie sehr er sie mochte. Also verpackte er den Stein und brachte ihn zu Kiana. Er liebte Kiana schon lange und hatte ihr das schon einige Male gestanden. Sie hatte sich meist zögerlich gezeigt. Mit dem funkelnden Stein wollte er nun ihr Herz gewinnen. Als er zu ihr kam, sah er sie – und ein anderer Mann hielt ihre Hand. Sie erschraken beide und Simon ging mit gesenktem Haupt und Tränen in den Augen davon. Sein Herz war gebrochen und schmerzte bei jedem Schritt.

 

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 201

 

Zuhause angekommen packte er den Stein wieder aus und betrachtete ihn. Er funkelte bunt in seiner Hand. Da fiel eine der Tränen, die Simon weinte, auf den Stein … und verschwand. Es sah aus, als ob der Stein die Träne absorbieren würde. Dort, wo sie auf den Stein geflossen war und ihn für einen Moment dunkler gefärbt hatte, war nichts mehr zu sehen. Der Stein fühlte sich trocken an. Simon weinte in den folgenden Stunden und Tagen noch einige Tränen. Manche davon fielen auf den „Tränenstein“, so hatte Simon ihn genannt. Mit jeder Träne floss auch etwas vom Schmerz und Leid aus Simon.

 

Eines Tages, als wieder eine Träne auf den Stein fiel, brach der Stein auseinander. In der Mitte des Steins war ein dunkler Kern zu sehen. Noch immer traurig über seine verlorene Liebe und den Stein, warf Simon die Reste vor sein Haus auf den Boden. In dieser Nacht weinte auch der Himmel und es regnete aus allen Wolken. Als Simon am nächsten Morgen aufwachte, sah er, wie ein zartes Pflänzchen dort gewachsen war, wo er die Reste des Tränensteins hingeworfen hatte.

 

Nach einer Weile war aus dem Pflänzchen eine wunderschöne Blume gewachsen. Simon hat das Pflänzchen auch gegossen und gepflegt. Als die Blume erblühte, stand eines Tages ein Mädchen davor und betrachtete die Blume. Sie fragte Simon, woher diese Blume sei und er erzählte die Geschichte des Tränensteins. Jasmina, so hieß sie, war gerührt und hatte Tränen in den Augen. Sie erzählte nun ihrerseits, wie sie über viele Tage und Woche immer wieder von genau dieser Blume geträumt hatte. Der Wunsch, diese Blume zu finden wuchs in ihr und so war sie losgegangen.

 

Als beide sich ansahen, wurden ihre Blicke heller und ihre Herzen schlugen schneller.

So wie einst das Pflänzchen wuchs nun ihre Liebe.

 

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2017)

 

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2017

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14 Okt

Workshops MSB Gesundheitstage Berlin

 

Am 13. Oktober 2017 fanden im Rahmen der MSB Gesundheitstage  zwei meiner Workshops zur GfK – Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg und zu Prüfungs- und Redeängsten in der wunderschönen Villa der MSB Medical School Berlin Hochschule für Gesundheit und Medizin in der Calandrellistraße statt.

 

 

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2017© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2017

 

 

 

 

 

 

 

 

14:00 – 15:00 Gewaltfreie Kommunikation

Von Wölfen und Giraffen – die Sprachmodelle und Ansichten der beiden Modellvertreter kennzeichnen jeweils eine Grundhaltung bzw. eine Kommunikationsweise. Gewaltfreie Kommunikation (Giraffensprache) ist für viele mehr eine Lebenseinstellung und grundsätzliche Haltung zur sozialen Interaktion als eine Kommunikationstechnik. Es geht wesentlich um die menschliche Verbindung, Empathie und das Erkennen und Akzeptieren eigener und fremder Bedürfnisse – ohne diese zu bewerten.

Teilnehmer des Workshops konnten einen ersten Eindruck gewinnen, wie die Gewaltfreie Kommunikation eine konfliktträchtige Kommunikation beeinflusst und was sie bewirken kann.

Inhalte des Workshops :

  • Grundideen der GfK von Marshall B. Rosenberg
  • Die 4 Komponenten / Der Prozess
  • Beobachtung(en)
  • Gefühl(e)
  • Bedürfnis(se)
  • Bitte(n)
  • Killerphrasen
  • Rat-Schläge
  • Was Kommunikation erschwert

 

15:30 – 16:30 Prüfungsangst / Redeangst

Wer kennt das nicht – plötzlich soll man etwas sagen oder vor anderen reden, vielleicht sogar einen Vortrag halten. Und dann ist es plötzlich da – dieses komische Gefühl, die Unsicherheit, Lampenfieber bis trockener Mund und Zittern. In gewissem Maße ist Anspannung und Angst konzentrationsfördernd und hilfreich. Ab einem Punkt kehrt sich dieser Effekt jedoch um. Doch dagegen kann man etwas tun.

Workshopteilnehmer sollen ein erstes Verständnis bekommen, was Angst (emotional, mental, körperlich) ist und wie sie sich äußert.

Inhalte des Workshops :

  • Was ist Angst? (Angst, Furcht, Phobie, Panik)
  • Wie äußert sich Angst? (Dimensionen der Angst, Reaktionsmuster,
    Faktoren und Auslöser von Angst)
  • Prüfungsangst
  • Redeangst
  • Ängste erkennen und verstehen
  • Gegenmittel
  • Übung für den Akutfall

 

Über das rege Interesse, den Austausch während und nach den Workshops und die sehr angenehme Atmosphäre habe ich mich sehr gefreut.

Vielen Dank an Alice Sader und Tabea Fischer für die Vorbereitung und Unterstützung während der Veranstaltung.

 

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2017

 

 

 

 

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2017)

 

 

 

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09 Okt

Fendur – Der große Schrecken (Therapeutische Geschichte)

Fendur – Der große Schrecken
(Therapeutische Geschichte)

 

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2017

Jörn würden wohl viele als ängstlich beschreiben. Er jedoch sah sich als vorsichtig und zurückhaltend. Er bekam gerne mal Angst in ungewohnten Situationen, wenn er z.B. allein vor den anderen etwas sagen musste, wenn er irgendwo neu war und niemanden kannte oder wenn er durch dunkle Straßen nachts allein ging. Dann spürte er, wie sein Herz schneller schlug, der Puls klopfte und sein ganzer Körper kribbelte und angespannt war. Er mochte die Angst nicht. Dann fühlte er sich klein und hilflos. Er hasste die Angst und er hasste sich dafür, wenn er sie spürte. Auch das flaue Gefühl im Magen und die zittrigen, feuchten Hände mochte er so gar nicht.

 

Wenn er vor anderen etwas sagen musste, ob in Prüfungen oder als Rede, war er auch sehr nervös. Das kannte er schon aus der Schule. Früher als andere begann er zu lernen und bereitete sich vor. Dann, kurz vor der „Prüfung“ oder der Rede, kamen alle furchtbaren Gedanken hoch, was alles schief gehen könnte. Seine Angst war da sehr kreativ und sandte ihm immer mal wieder neue Schreckensszenarien: vom Blackout, über das Versagen der Stimme, einen Feueralarm, kaputte Hosen, Hunde, die plötzlich reingelaufen kämen und ihn anspringen, Stromausfälle bis hin zum Ausgelacht werden, war alles dabei. Manchmal waren auch sehr absurde Einfälle dabei – wie z.B. ein Wespennest, das von der Decke fallen würde, ihm auf dem Kopf landet und er gestochen wird. Im Nachhinein stellte er dann stets fest, dass es nie so schlimm war, wie er befürchtet hatte, meistens war er sogar richtig gut. Die anderen hatten seine Angst meist gar nicht bemerkt. Und doch versuchte er, diese Situationen zu umgehen, wenn es möglich war.

 

Eines Tages war es mal wieder soweit. Jörn sollte vor dem Kreis der Kollegen eine Rede halten. Schon eine dreiviertel Stunde vor dem Termin war er dort, hatte die Technik geprüft und ging in Gedanken seinen Vortrag nochmal durch. Er hatte sich auch überlegt, welche Fragen möglicherweise aufkommen könnten und sich darauf vorbereitet. Kaum saß er dort, ging es wieder los. Die Hände kribbelten, dann die Arme, dann der Rest und er spürte, wie sein Herz pochte und schneller schlug. „Ob das wohl gut geht? Ich will mich doch nicht blamieren.“, dachte er so bei sich. Plötzlich setzte sich eine junge Frau zu ihm und lächelte ihn an. „Na, aufgeregt?“, fragte sie Jörn, „Ich bin Milena, die neue Kollegin.“ „Als ob ich nicht schon aufgeregt genug bin, jetzt ist auch noch jemand so überpünktlich und dann auch noch eine unbekannte … Frau.“, dachte sich Jörn. „NEIN, ich … naja vielleicht ein bisschen angespannt.“, druckste er. „Ich bin Jörn.“, stellte auch er sich vor.

 

„Ich weiß. Du hältst gleich den Vortrag. … Wenn ich Angst habe, stelle ich mir manchmal vor, wie sie wohl aussehen würde, meine Angst“, sagte Milena. „DIESE Frau hat Angst?“, fragte er sich, „dabei sieht sie so tough aus. Vielleicht ist es ja gar nicht … vielleicht bin ich ja gar nicht so un-normal?“ Als Kind hatte er sich auch vorgestellt, wie sie wohl aussehen würde – seine Angst. „Fendur“ hatte er sie genannt. Sie war riesig groß und sah fürchterlich aus. Große rote Augen, die ihn anstarrten, ein grau-schwarzes Fell und riesige Klauen und Zähne. Er schloss für einen Moment die Augen und versuchte sich vorzustellen, wie seine Angst wohl aussehen würde. Sie sah für ihn wie ein riesiges Auge aus, was über ihm schwebte und auf ihn prüfend herabsah, mit großen Ohren und einem kleinen Mund, der unaufhörlich plapperte. Er konnte es hören: Was alles schief gehen könnte und ob er auch wirklich vorbereitet ist und dass er sich ja blamieren könnte und was wohl die KollegINNen denken werden, …

 

„Manchmal nehme ich dann Kontakt mit meiner Angst auf“, hörte er Milena sagen. „Was für eine verrückte Idee“, dachte er sich, aber er war auch neugierig. Also schaute er sich seine Angst an. Die Angst … war verblüfft, und das Auge ging noch weiter auf. Er konnte quasi ihre Gedanken hören: „Er sieht mich, … er nimmt mich tatsächlich wahr und versucht mich nicht gleich wegzuschubsen.“ Das Auge kam näher … und wurde dabei erstaunlicherweise kleiner (!). Auch der quasselnde Mund verstummte. Je näher das Auge kam, desto weniger bedrohlich schien es Jörn. Es schien sogar fast freundlich und lächelnd. Jörn war verdutzt, „Was passiert denn hier gerade?“

 

Als er erneut auf das Auge sah, war es kein Auge mehr, sondern ein kleines Männchen, das dem kleinen Jörn aus Kindertagen ein bisschen ähnlich sah. Jetzt wo das Männchen so klein war, wollte er seinen Frust herauslassen. „Warum tust du mir das an?“, fragte er das Männchen, „Warum machst du mich so fertig?“ Das Männchen grinste nur, “Weil ich auf dich aufpasse und dich beschütze.“ Jörn zuckte zusammen. „AUFPASSEN? …“, er wusste nicht, ob er lachen, wütend, traurig oder einfach nur erstaunt sein sollte. „Haste denn ma eine Prüfung vergeigt? Oder nen Vortrag in nen Sand jesetzt?“, fragte das Männchen schelmisch. „Ähm …“, Jörn überlegte kurz, „Nein … ABER …“ „Siehste“, warf das Männchen ein. Jörn war … überrascht. Es stimmte ja, dass er aufgrund seiner Vorbereitung stets gut war und auch alle Prüfungen bestanden hatte.

 

„Aber hast du dich mal gefragt, wie belastend das für MICH ist?“, fragte er. Das Männchen sah nun ihn erstaunt an, “belastend?“ „Um mich vorzubereiten, hätte ich nicht so viel Angst gebraucht …“, platzte es aus ihm heraus, „Warum konntest du nicht weniger riesig sein…“ Das Männchen zuckte mit den kleinen Schultern: „Du hast mich nie gefragt. Du hast mich immer weggeschoben. Dann bin ich größer geworden, … damit du mich nicht übersiehst.“

 

„Eigentlich wollte ich nur dein Freund sein und dir helfen.“, sagte das Männchen, das inzwischen auf seiner Schulter saß. „Du kennst mich schon lange …“, sagte das Männchen, “Weißt du noch damals in der zweiten Klasse, als du das Gedicht aufsagen solltest und nicht richtig gelernt hattest?“ Ein kalter Schauer fuhr Jörn über den Rücken. Plötzlich sah er sich wieder in dem Klassenraum, die Blicke seiner Mitschüler und der Lehrerin. Es war, als würde er diesen Moment nochmal durchleben. Er erinnerte sich an dieses sehr unangenehme Gefühl. So etwas wollte er nie wieder erleben. „War ja nicht wirklich schlimm.“, grinste das Männchen, “Aber seit dem passe ich auf Dich auf.“

 

Jörn verstand. „Könntest du dich mit deinem Schrecken und den ganzen sorgenvollen Gedanken nicht deutlich weniger zeigen?“, fragte Jörn, „Das würde Vieles für mich leichter machen.“ Das Männchen nickte, „Ja das kann ich. Aber ich habe dich … im Auge!“, zwinkerte es schelmisch. Jörn spürte wie der Druck, die Schwere und diese Enge in der Brust, die er auch immer gespürt hatte, plötzlich weniger wurden und er sich leichter und freier fühlte. Irgendwie fühlte sich die Angst jetzt ein bisschen wie Vorfreude an. Er bedankte sich bei dem kleinen Männchen und umarmte es. Dann spürte er, wie das Männchen, seine Angst, wieder ein Teil von ihm wurde und dass sie zu ihm gehörte – als Freund, Beschützer und Aufpasser. Es waren nur noch zehn Minuten bis zu seinem Vortrag und irgendwie … freute er sich jetzt darauf. Er war ja nicht mehr allein, er hatte einen kleinen Freund, der auf ihn aufpasste. Jörn wollte sich bei Milena bedanken und schaute sich um, doch entdeckte sie nicht. Die ersten Kollegen kamen schon, und er fragte, „Wo ist denn Milena?“ Sein Kollege sah ihn fragend an. „Die neue Kollegin…“, fuhr er fort.

„Welche neue Kollegin?“

 

[Diese Geschichte verdeutlicht auf bildhafte Art meine Arbeitsweise. Oftmals sind Ängste Freunde in schrecklichen Verkleidungen, die größer werden, um gesehen zu werden.]

 

 

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2017)

 

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2017

 

 

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