29 Jan

Mein Brief an Dich (Therapeutische Geschichte)

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2018

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hallo Felix,

 ich bin es, Leah aus Deiner Schule. Wir haben einige Kurse gemeinsam. Du kennst mich vermutlich nur noch unter Muffin oder Moppel oder „die mit den Fotos“. Anfangs hast Du mich mitleidig angesehen. Jetzt sehe ich Verachtung in Deinem Blick. Ja, Du bist nie der erste, wenn es darum geht, mich zu beleidigen und fertigzumachen. Du schaust zu und stimmst irgendwann mit ein. Ich habe niemandem verraten, dass wir uns schon lange kennen und früher gemeinsam zur Schule gegangen sind. Auch über Deine Probleme, die Du mir anvertraut hast, habe ich mit niemandem gesprochen.

Mir ist klar, warum Du so über mich denkst, aber ich werde Dir meine Geschichte erzählen. Dann entscheide selbst, wie Du darüber denkst. Bis ich 13 war, hatte ich kaum Probleme in der Schule. Ich war zwar nie die Beste, aber auch nicht schlecht. Meine Eltern arbeiten beide und sorgen gut für mich und meinen jüngeren Bruder. Mein Leben hätte so einfach und schön sein können. Doch dann habe ich einmal für meine damals beste Freundin Sarah Finn gefragt, wie er sie so fände. Sie wollte nicht selbst fragen und ich tat ihr den Gefallen. Nur gefiel nicht sie ihm, sondern ich. Ich wollte damals noch nicht viel von Jungs wissen. Aber Sarah war gekränkt und wollte plötzlich nichts mehr von mir wissen. Sie glaubte, ich hätte ihr Finn ausspannen wollen. Das erzählte sie auch den anderen Mädels. Vielleicht hatte sie Angst, wie sie dastehen würde, wenn jemand erfährt, dass Finn sie nicht wollte, vielleicht war es etwas anderes.

Seit dieser Zeit ließen mich die anderen Mädels spüren, dass ich nicht dazu gehörte. Keine von denen hat mich jemals gefragt, was wirklich passiert war oder wie ich das sehe. Sie grinsten nur, machten mich vor anderen schlecht oder lästerten über mein Aussehen, meine Kleidung. Anfangs versuchte ich es zu ignorieren. Bei den anderen war es nicht so wichtig für mich, aber Sarah, die mal meine Freundin war, das tat weh. Ich zog mich immer mehr zurück und aß Süßigkeiten, um mich etwas zu beruhigen. Dadurch nahm ich zu, was den täglichen Gang in die Schule noch schwerer machte. Nun fingen auch die Jungs an, mich aufzuziehen.

Es ist schwer, allein zu sein – unter so vielen anderen und doch allein. Ich wurde anfälliger für Erkältungen, durch Stress und den vielen Zucker sprießten Pickel in meinem Gesicht und meine Leistungen in der Schule wurden schlechter. Dann begannen die fiesen Attacken im Internet : Fotomontagen, Hassnachrichten und Beleidigungen. Wenn ich mich dann mal körperlich wehrte, bekam ich den Ärger. Auch die Lehrer haben das Mobbing von Euch nicht bemerkt oder wollten es nicht sehen.

Ich traute mich nicht, mit meinen Eltern zu sprechen, weil ich mich so unglaublich schämte und anfing, mich selbst nicht mehr zu mögen – sogar zu hassen. Und dann kam Leon. Er ging auf eine andere Schule und wir sahen uns ab und zu auf dem Heimweg. Er hörte mir zu und sagte immer wieder, wie schön er mich fände und dass ich seine große Liebe sei. Es fühlte sich so gut an, mal gemocht zu werden, Komplimente zu bekommen oder getröstet zu werden. Doch als er merkte, dass ich es mochte und mich danach sehnte, forderte er immer wieder kleine „Liebesbeweise“ von mir. Mal einen Kuss oder Zärtlichkeit und dann wollte er schnell mehr. Ich war dazu nicht bereit. Da spielte er den Beleidigten und meinte, ich würde ihn nicht mögen.

Er entzog mir seine Nähe und mir ging es schlechter. Neben dem Stress in der Schule kam noch der Liebeskummer hinzu. Dann tröstete er mich und sagte, wenn ich ihm beweisen würde, dass ich ihn mag, wäre alles wieder gut. Ich bin nicht stolz darauf. Nein, ich bereue es – sehr sogar, aber ich ließ mich darauf ein. Er wollte mich unbedingt „oben ohne“ sehen und ich dachte, es wäre keine große Sache. Aber er teilte es mit ein paar Freunden und einer von denen stellte es ins Netz ein. Nun war ich plötzlich eine „Schlampe“ und nach kurzer Zeit wollte er nichts mehr mit mir zu tun haben. Er, der mir seine große Liebe geschworen hatte, vermied jeden Kontakt.

Ich fühlte mich so gedemütigt, ausgenutzt und verraten. Die Blicke der anderen kannte ich, aber Dein Blick wurde auch verächtlich oder mitleidig. Das tat mir mehr weh, denn ich mochte Dich – sehr sogar. Nur habe ich mich das nie getraut, Dir zu sagen.

Irgendwann wurde mir alles zu viel. Ich wurde immer schlechter in der Schule und zog mich immer mehr zurück, ließ meine Eltern aus Scham nicht an mich heran und betrank mich an manchen Wochenenden, um alles zu vergessen. Das machte alles nur noch schlimmer.

 Ich kann nicht mehr. Dieser Brief ist das Letzte, was ich noch mache, damit Du weisst, dass da jemand war, die Dich sehr mochte. Was auch immer kommt, vergiß das nie.

 

                                                                                                                Leah

 

Als Felix diese Worte vorlas, war seine Stimme brüchig geworden und Tränen standen in seinen Augen. „Hätte ich doch nur mit ihr gesprochen. Vielleicht wäre es dann nie so passiert. Ich mochte sie und schäme mich, dass ich nicht zu ihr gehalten habe. Sie war allein.“, sagte er und ging zurück auf seinen Platz. Der Klassenraum war erfüllt von einer bedrückenden Stille und Beklemmung. Trauer, Scham und Schuld waren in den Gesichtern der Mitschüler zu sehen. Plötzlich wollte es niemand gewesen sein. Das wollte ja niemand und hätte ja keiner ahnen können. Es war ja nicht so gemeint.

 

Doch Leahs Platz bleibt für immer leer.

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2017)

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15 Jan

Das Trauerlied des Käuzchens (Therapeutische Geschichte)

Das Trauerlied des Käuzchens
(Therapeutische Geschichte)



Weisheiten der alten Eule © Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2018Viele Menschen glauben, das Käuzchen sei ein Todesvogel, schlechtes Omen oder es rufe den Tod herbei. Doch eigentlich singt das Käuzchen nur das traurige Lied einer verlorenen Liebe. Lass mich erzählen, wie es dazu kam.

Vor langer Zeit war das Käuzchen ein fröhlicher Vogel, der heitere Lieder sang und bei Tage über die Wiesen und Felder flog. Manchmal scherzte er auch mit anderen Vögeln und sie spielten sich kleine Streiche. Am liebsten spielte er mit der kleinen Nachtigall.

 

Eines Tages spürte er, dass er mehr für sie empfand, als für alle anderen Vögel und öffnete ihr sein Herz. Die Nachtigall freute sich, denn auch sie mochte den Kauz. Doch, obwohl sie eigentlich ein eher nachtaktiver Vogel war, liebte sie die Sonne. Viele Tage und Nächte flogen das Käuzchen und die Nachtigall gemeinsam, spürten diese besondere Verbundenheit und verstanden einander oft wortlos. Während die Liebe beim Käuzchen wuchs und intensiver wurde, spürte die Nachtigall, dass in ihr der Wunsch, der Sonne näher zu kommen, stärker wurde.

Da sich beide gut kannten, spürten sie die Veränderung und wurden traurig. Jeder der beiden auf seine Weise. Der Kauz trauerte um seine Liebe zur Nachtigall, weil er immer mehr spürte, sie zu verlieren und die Nachtigall, weil sie die Traurigkeit des Kauzes bemerkte und doch ihrem inneren Drang folgen musste. Immer öfter flogen sie abends und nachts, da das Käuzchen nicht wollte, dass die Nachtigall oder die anderen Vögel seine Traurigkeit sahen. Manchmal stritten sie nun, da beide verletzt und traurig waren. Schon zweimal hatte sich die Nachtigall aufgemacht und war dann doch zurückgeflogen.

Eines Tages wurde die Sehnsucht der Nachtigall so groß, dass sie all ihren Mut zusammennahm und losflog – der Sonne entgegen. Als sie ein letztes Mal zurückblickte, fiel eine Träne aus ihren Augen auf den Waldboden. Dort wo sie niederfiel, wuchs eine Blume. Man nennt sie heute Vergissmeinnicht. In jeder Blume ist die Erinnerung an die Liebe des Käuzchens aufbewahrt.

Als der Kauz bemerkte, dass die kleine Nachtigall fort war, wusste er in seinem Herzen, dass sie diesmal nicht zurückkehren würde. Und so sang er sein Trauerlied und flog durch die Nacht, damit niemand seine Traurigkeit sah.

 

Du hast mein Herz einst tief berührt,
hab Deine Seele dort gespürt,
den Funken Deines Lebens Licht,
Dein wahres Wesen und Gesicht.
Du sahst die Sonne und flogst fort
von mir an diesen einen Ort,
an den ich Dir nicht folgen kann.
Es hält mich hier der Lebensbann.

Ich bin es, der in letzter Nacht,
bei dem, der gehen will, noch wacht.
Es soll niemand alleine sein,
wenn er ins Licht geht einst hinein.
Mein Lied sollte zum Schluss vom Leben
Vertrauen, Trost und Hoffnung geben.
Die Liebe überwindet alle Schatten.
Ich leb’ dafür, was wir einst hatten.

 

Nur einmal im Jahr, in der Tag-Nacht-Gleiche, dem Äquinoktium, erschien die Träne der Nachtigall in der Blüte des Vergissmeinnichts und war wie ein Spiegel. In dieser Nacht konnte das Käuzchen für einen Moment seine kleine Nachtigall sehen, wie sie fliegt und tanzt und ihre Lieder hören.

Wenn Menschen an der Schwelle stehen, flog das Käuzchen manchmal zu ihnen, damit sie nicht allein waren. Und wenn dann eine Seele ihren Körper verließ, um ins Licht zu gehen, dann bat er sie, sein Lied an seine Liebste mitzunehmen, damit sie an ihn denkt.

So sang das Käuzchen, um Trost zu spenden und allen, die gehen, Beistand zu leisten, damit sie nicht allein waren und in Frieden gehen konnten. Und all seine Nachfahren tun dies ebenso.

Manche Menschen glauben, dass, wenn ein Käuzchen stirbt, irgendwo zwei Turteltauben geboren werden. Sie leben dann ein Leben lang die Liebe, die auch er in seinem Herz trug.

 

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2017)

 

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04 Jan

Die Welle in der KGS 1/2018

Gestern habe ich meinen ersten Kurs in 2018 zu juristischen Aspekten in der HPP-Ausbildung im Institut Christoph Mahr gegeben.

Als ich in der Pause in der neuen KGS – Körper Geist Seele-Ausgabe (1/2018) schmökerte, entdeckte ich zu meiner großen Freude meine Geschichte “Die Welle”.

Ein schöner Start in 2018.

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http://www.kgsberlin.de/aktue…/artikel/eintrag/art93960.html

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2017)

 

 

 

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