31 Jul

Die Weisheiten der alten Eule 9 (Therapeutische Geschichte)

Die Weisheiten der alten Eule © Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2018

Die Weisheiten der alten Eule
(Therapeutische Geschichten)

In einer sehr alten Eiche lebte eine auch ziemlich alte Eule. Mit der Zeit konnte sie schlechter hören und sehen, aber die Tiere des Waldes gingen gern zu ihr, wenn sie Sorgen und Probleme hatten. Im Gespräch mit der alten Eule fanden viele Tiere ihre Lösungen und verstanden, was das eigentliche Thema war. Von einigen dieser Begebenheiten will ich berichten.

 

Die Kuh Nicole

Vielleicht fragt ihr euch, warum eine Kuh im Wald lebt, denn normalerweise leben Kühe ja eher auf einer Wiese. Aber die Kuh Nicole lebte schon so lange im Wald, dass keiner mehr wusste, warum. Auch sie selbst konnte es nicht mehr sagen und fühlte sich doch manchmal nicht dazugehörig. Eines Tages kam die Kuh an der alten Eiche, in der alte, weise Eule lebte, vorbei und setzte sich darunter. „Muuuhuu“ seufzte sie leise vor sich hin. Die weise Eule hörte es eine Weile und flog dann hinab zur Kuh Nicole.

„Duhu siehst traurig aus.“, sagte die Eule, „Hast Du Kuhummer?“ Da kullerten ein paar Tränen aus Nicoles Augen. „Ich habe mein Lächeln verloren“, schluchzte sie, „und weiss manchmal nicht, ob ich hier her gehöre oder wie es weitergehen soll. Ich bin doch nur eine Kuh. In meinem Leben habe ich schon so einiges erlebt und wurde oft verletzt.“ Die Eule nickte. „Eine Kuh im Wald … das ist doch komisch. Was soll ich denn hier? Mich will doch niemand hier. Ich sollte weggehen … vielleicht für immer.“

„Ich weiss noch, wie Du als Kälbchen hier ankamst im Wald. Du hattest einige Wunden auf Deinem Weg hier her mitgenommen. Wir wussten anfangs nicht, ob Duhu es schaffen wirst.“, sagte die alte Eule plötzlich, „Aber Duhu warst stark. Duhu hast gehört, wie einige zweifelten und andere Tiere fragten, ob Duhu in den Wald gehörst. Duhu hast gekämpft. Duhu warst stark und hast gelächelt, wenn jemand Deine Wunden versorgte, auch wenn es manchmal schmerzte. Duhu wolltest den anderen nicht zeigen, wenn es Dir wehtat.“

Mit gesenktem Kopf schaute Nicole zur weisen Eule. „Das ist natürlich in Ordnung und doch nimmst Du den anderen die Möglichkeit, auf Deinen Schmerz zu reagieren.“, fuhr die Eule fort, „Auf Dauer hat Dich dann der versteckte Schmerz vielleicht Dein Lächeln vergessen lassen.“ Die Kuh Nicole schaute recht verzweifelt und fragte „… und was soll ich nun tun?“ „Wir werden Dein Lächeln suchen.“, sagte die weise Eule, „Lass uns in Deinem Haus anfangen.“

„Na gut“, druckste Nicole kleinlaut und spürte, dass es ihr gut tat, wenn jemand einfach da war und ihr zuhörte. Dann begann sie zu suchen – im Schrank, unter dem Bett, hinter dem Sessel, auf den Fensterbrettern. Doch nirgends war etwas zu finden, was sie ihr Lächeln wiederfinden ließ. Die Eule schaute auf die Bilder, die in Nicoles Haus an den Wänden hingen. „Wo ist das fotografiert worden?“, fragte sie immer mal wieder. Nicole erzählte zu jedem Bild eine kleine Geschichte, was sie auf den Bildern mit ihren Freunden jeweils unternommen hatte. „Duhu hast tolle Freunde und viel mit ihnen erlebt.“, sagte die alte Eule. „Naja, kann sein“, sagte Nicole kleinlaut. Mit jedem Bild und jeder damit verbundenen Erinnerung schien ihr Gesicht etwas weniger traurig. Dann zog die weise Eule ein Bild unter einer Ecke eines Teppichs hervor, was offenbar irgendwann vom Tisch gefallen war. Es war eine merkwürdige Kritzelei. „Was ist denn das?“, fragte die Eule.

 

Die Kuh Nicole Weisheiten der alten Eule 9 SinnSationsGeschichten in Herzgeschichten

 

Nicole schaut auf das Bild und ein paar Tränen rannen aus ihren Augen. Dann begann sie plötzlich unter Tränen zu lachen. „Das ist von Micki, der kleinen Tochter vom Biber – meinem Patenkind. Sie wollte mir unbedingt ein Bild malen, weil ich doch eine Heldin für sie bin.“ Plötzlich fielen Nicole wieder die vielen schönen Dinge in ihrem Leben ein. Sie hatte Freunde, glückliche Momente und sie konnte wieder lächeln und sogar LACHEN.

Da sie nur auf ihren Kummer geachtet hatte, hatte sie die anderen, schönen und glücklichen Momente vergessen. Seit dem hing ein weiteres Bild an Nicoles Wand und wann immer sie sich nicht so gut fühlte, schaute sie auf dieses Kritzelbild, erinnerte sich und konnte wieder lächeln.

 

 

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2019)

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