07 Jul

Psychoonkologie – Blogprojekt & Podcast – 3. positive Aspekte von Erkrankungen

 

Mit meiner Kollegin Franziska Sebode von wieder-leben.info habe ich ein Videoprojekt begonnen zum Thema Psychoonkologie. Sie ist selbst Betroffene und schreibt in ihrem blog Lass-uns-reden u.a. über Krebs, Angst, Trauer und vieles mehr.

In mehreren Beiträgen werden wir verschiedene Aspekte rund um das Thema Psychoonkologie betrachten. Wir freuen uns über Zuschauerfragen und werden gerne darauf eingehen/reagieren.

Mir ist die Psychoonkologische Begleitung eine Herzensangelegenheit, die in Deutschland noch viel mehr Raum bekommen sollte.

 

Der Gedanke, dass eine Erkrankung positive Aspekte haben könnte, fällt vielen Menschen anfangs schwer. Wir möchten zeigen, dass es positive Effekte und Veränderungen geben kann.

 

 

Liebe Franziska, Du hast selbst vor einiger Zeit eine Krebsdiagnose erhalten. Wie hast Du diese damals aufgenommen?

Eine derartige Diagnose ist immer ein Schock. Selbst wenn man, wie ich damals, schon eine vage Vermutung hat, dass etwas nicht stimmt, ist die endgültige Diagnose ein tiefer Einschnitt in das Leben. Ich spürte schon einige Wochen tief in meinem Unterbewusstsein etwas Fremdes, Bedrohliches. Aber ich habe es verdrängt und wollte es nicht wahrhaben. Als ich mich entschloss, einen Arzt zu konsultieren, habe ich noch ein Wochenende mit meiner damals 13-jährigen Tochter am Meer verbracht. Mir war schon klar, dass danach die Zeit der Sorglosigkeit vorbei sein würde.
Dann ging alles schnell: Der Ultraschall war auffällig und ich hatte keine Zeit zum Nachdenken. Ich war beschäftigt mit der Suche nach einem schnellstmöglichen Mammographie-Termin. Ich kann mich nur daran erinnern, dass ich nicht denken konnte und innerlich vollkommen leer war. Vor allem fühlte ich mich allein, denn jede Praxis verließ ich mit einer weiteren Überweisung und keinerlei Idee, wie und wo ich den nächsten Termin bekommen könnte. Der einzige Wunsch, den ich immer im Kopf hatte, war: ich möchte irgendwo behandelt werden, wo ich mich sicher und nicht fremd fühle. So landete ich im Brustzentrum der Charité und dort bei einer Ärztin, die sich später als großer Gewinn herausstellte.
Als Mutter und Ehefrau bauten sich in meinem Kopf Horrorszenarien auf: Was würde aus meinem Kind? Würde es mich leiden und sterben sehen? Wie würde mein Mann reagieren? Was würde aus der Arbeit, meiner Mutter, den Freunden? Ich kann mich kaum erinnern, in dieser Zeit geweint zu haben. Ich wollte es allen leicht machen und habe signalisiert, dass ich keine Hilfe brauche und alles alleine schaffe. Das war natürlich nicht der Fall, aber das wurde mir erst später bewusst.

 

 

 

 

Was hat Dir in der Situation und später geholfen?

Nach einem Burnout einige Jahre vorher hatte ich noch Kontakt zu einem Therapeuten, den ich sehr schnell um Begleitung gebeten habe. Bei ihm konnte ich meine Angst aufnehmen und über meine Sorgen sprechen, ohne Rücksicht auf fremde Erwartungen und Befindlichkeiten nehmen zu müssen.
Meine Ärztin war ebenfalls eine große Hilfe: klar, konkret, wertschätzend, offen und sehr professionell. Außerdem hat mein Mann mich von Anfang an zu den weiteren Terminen begleitet und sehr souverän reagiert. Ich weiß von vielen anderen Fällen, dass das nicht selbstverständlich ist.
Die Begleitung war besonders wichtig, weil zu jener Zeit alle Worte der Ärzte an mir vorbei geflossen sind und ich keinen klaren Gedanken fassen konnte. Das ist auch eine Empfehlung, die ich jedem Menschen mit einer schweren Diagnose geben möchte: Nehmt jemanden mit, der alles aufschreibt, vorher überlegte offene Fragen anspricht und der emotional stabil ist. Denn es müssen Entscheidungen getroffen werden, die man schon im unbelasteten Zustand kaum treffen kann: Brust ab? Brusterhaltende OP? Chemo, Bestrahlung? Was kann ich vertreten, was will ich nicht?
Während der Chemotherapie habe ich viele großartige Gespräche geführt. Viele Patientinnen hatten eine ähnliche Historie wie ich: Immer perfekt, immer für andere da, Familie und Arbeit im Mittelpunkt und keine Rücksicht auf das eigene Befinden. Selbst in der Krankheit konnten viele anfänglich nur schwer akzeptieren, jetzt verletzt und krank zu sein.
Der Punkt einer qualitativen Wende war der Tag, an dem ich Akzeptanz für meine Situation entwickelte. Ich werde sterben. Wir alle werden das. Nur findet diese Realität keinen Raum in unserem Leben. Wir hetzen voran, ohne im Hier und Jetzt zu sein. Und plötzlich war ich im Moment. Ich werde sterben. Aber nicht jetzt. Und nicht morgen. Und ich sah plötzlich viele Chancen, die mir diese Erkrankung gab: Ich hatte die einmalige Gelegenheit, innezuhalten und mich umzuschauen. Was war bisher geschehen? Was tat mir gut?
In den 9 Monaten Behandlung ging es mir oft schlecht, aber auch sehr oft gut. Und an allen diesen Tagen begann ich, bewusst zu leben, den Tag mit schönen Dingen zu füllen, auf mich zu hören und mich zu spüren.
Am Tag der letzten Bestrahlung verließ ich die Klinik mit Tränen in den Augen. Nicht vor Glück, sondern vor Unsicherheit, wie ich nun weiterleben sollte. Ohne wöchentlichen Arztkontakt, ohne Vertrauen in meine eigene Unversehrtheit, ohne Hilfe.
Ich habe mich damals bewusst entschieden, keine Anschlussheilbehandlung zu machen, weil ich mich nicht über die Krankheit definieren wollte. Vielmehr habe ich mir ein Netz von Unterstützung geschaffen: Massagen, viel Zeit an der frischen Luft, eine Verkürzung meiner Arbeitszeit, eine Beibehaltung der Termine bei meinem Therapeuten in größeren Abständen, Achtsamkeit und eine regelmäßige Überprüfung, um nicht wieder in alte Muster zu fallen. Ich habe mich nicht danach gerichtet, was die Krankenkasse zahlt, sondern was mir gut tat.
Nach 3 Jahren hatte ich eine emotional sehr belastende Situation im Familienumfeld und stand unter sehr starkem Stress. 2 Monate später -an Zufall glaube ich nicht – wurde ein Rezidiv festgestellt.

Wie hat sich Dein Leben verändert? Was hast Du verändert?

Auch wenn die Behandlungen nach dem Rezidiv nun schon wieder 2 Jahre her sind, ist mir klar, dass jederzeit wieder eine Diagnose gestellt werden kann. Der Weg zu meiner inneren Freiheit sind Akzeptanz und Selbstwirksamkeit.
Die Krankheit hatte dafür gesorgt, dass ich runterschalte und mehr für mich sorge. Wenn ich diese Aufgabe selbst übernehme, kann ich die Krankheit loslassen.
Natürlich ist Krebs nicht selbst verschuldet. Die Entstehung eines Karzinoms hat viele Ursachen: genetische, Umwelteinflüsse, aber auch immunologische. Das Immunsystem ist an der Beseitigung fehlerhafter Zellen beteiligt. Auf meine Gene habe ich keinen Einfluss, auf meine Umwelt nur bedingt über Essen, Schlaf, gesunde Lebensweise. Meinen größten Einfluss habe ich darauf, ob ich mein Immunsystem durch Entspannung, innere Ruhe und positive Gedanken stärke, oder ob ich durch Dauerstress meinen Körper mit Adrenalin und schlussendlich Cortisol überflute.
Stress vermeidet man jedoch nicht durch Vermeidung des Lebens, sondern durch das Finden eines inneren Gleichgewichtes und der bewussten Entscheidung für eine positive lebensbejahende Einstellung.

Manche PatientINNen beschäftigen sich -teilweise unbewusst- mit der Frage „Darf ich wieder gesund werden?“ Ich durfte Dich als lebensfrohe Frau kennenlernen. Wie bist Du damit umgegangen?

Ja, ich darf gesund sein. Denn ich brauche den Krebs weder als Beschützer vor meinem eigenen selbstschädigenden Verhalten, noch als neuen Lebensinhalt. Natürlich erfährt man als Patient eine verstärkte Zuwendung. Man kann jederzeit Nein sagen, man wird rücksichtsvoll behandelt und hat etwas zu erzählen. Die Übernahme von Eigenverantwortung ist die Voraussetzung dafür, die Krankheit auch wieder loszulassen.
Es ist nicht einfach, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Denn Verantwortung bedeutet auch die Verantwortung für das Scheitern. Es kann keinem anderen Schuld zugewiesen werden für unbefriedigende Lebensumstände. Die Welt schuldet uns nichts, wir schulden uns selbst Achtung und Respekt.
Im Hier und Jetzt sein, heißt auch, Dinge in Frage zu stellen, Veränderungen anzustoßen und Situationen auszuhalten.
Ich hatte schon einige Jahre vor meiner Erkrankung neben meinem Beruf eine Weiterbildung auf dem Gebiet der Psychologie und Psychotherapie begonnen. Diese habe ich intensiviert und gleichzeitig mit meiner letzten Behandlung abgeschlossen. Ein Jahr nach dem Rezidiv habe ich die Heilpraktikerprüfung bestanden.

Mir hat das Lernen geholfen, mich in schlechten Zeiten zu fokussieren und mir eine Struktur zu schaffen. Gleichzeitig habe ich meine Situation sowohl aus Patientensicht als auch aus Therapeutensicht betrachten können. Viele theoretische Themen wurden plötzlich fassbar und klar.

In diesem Kontext bin ich auf das japanische Konzept des „IKIGAI gestoßen. Die Grundsätze finden sich in vielen psychologischen und philosophischen Ideen wieder, sind aber aus meiner Sicht dort am prägnantesten definiert. Es handelt sich um das Streben nach Sinn, ein Gleichgewicht zwischen Passion (es gibt etwas, was ich liebe zu tun), Profession (ich kann es gut), Mission (es hat einen Sinn, es wird gebraucht) und Anerkennung (ich werde dafür bezahlt, ich kann davon leben).

IKIGAI bedeutet: klein anzufangen, loslassen zu lernen, Harmonie und Nachhaltigkeit zu leben, die Freude an kleinen Dingen zu entdecken und im Hier und Jetzt zu sein.

Ikigai ist zum Teil Deines Lebens und als Tattoo Teil Deines Körpers geworden. Was bedeutet es für Dich?

Ich arbeite jeden Tag an meinem IKIGAI, denn genau wie Beziehungen zu anderen Menschen braucht auch die Beziehung zu sich selbst tägliche Arbeit.
Auch das ist Selbstverantwortung und Selbstwirksamkeit. Veränderungen treten nur ein, wenn man die neuen Wege täglich läuft. So lange, bis die alten Wege mit Gras überwachsen sind und der neue Weg auch für andere sichtbar ist und bleibt.
Um mein Ziel im Auge zu behalten, habe ich es mir an die Wand geschrieben und eines Tages habe ich mich entschieden, es als Tattoo immer bei mir zu tragen.
Aber die Bedeutung von Tattoos füllt einen eigenen Blog, darüber zu schreiben ist eines meiner nächsten Ziele.

Wie ich schon sagte: Wir werden sterben. Keiner kommt aus dem Leben lebend heraus.
Das ist außerhalb unseres Einflussbereiches.
Was wir aber beeinflussen können, ist, wie wir diese Zeit – so lange sie auch sei – gestalten.

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2020)

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