18 Apr

jelly beans (Therapeutische Geschichte)

Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl Charlottenburg

Jelly beans sind diese kleinen, süßen Geleebohnen, die es in so vielen verschiedenen Geschmacksnoten gibt. Sie haben alle verschiedene Farben, manche sind auch bunt oder gemustert – nur die Form ist gleich. Da findet eigentlich jeder etwas für seinen Geschmack.

Felix liebte jelly beans und hatte besonderes Glück, denn sein Vater hatte einen einen Stand, an dem er diese Süßigkeiten verkaufte. Eines Tages besuchte Felix seinen Vater und bekam wie so oft ein paar Bohnen geschenkt. Er durfte sie sich selbst aussuchen und wählte wie eigentlich immer seine Lieblingssorte – Erdbeere. Da der Vater an diesem Tag noch etwas zu besorgen hatte, bat er Felix, für eine Stunde auf den Stand aufzupassen. Das war für Felix nicht neu.

„Aber“, sagte der Vater, „mehr Bohnen iss besser nicht mehr, sonst bekommst Du nur wieder Bauchschmerzen.“ und ging. Als Felix so die Bohnen betrachtete, entdeckte er plötzlich eine neue Sorte, die ihn doch ansprach. Sie schien etwas größer als die anderen Bohnen. Diese Bohnen glänzten ganz wunderbar, schillerten prächtig und dufteten einfach fantastisch. „Der Vater würde es wohl nicht merken, wenn ich nur ein paar davon nasche und er würde sie mir wohl auch schenken“, dachte sich Felix. „aber er vertraut mir – und, wenn ich zuviele nasche, bekomme ich ja -zumindest manchmal- Bauchweh. Ich hab ja meine Erdbeerbohnen.“

Die Entscheidung fiel ihm schwer. Sollte er nun probieren, was ihm da so lecker vor der Nase stand oder widerstehen? Vielleicht würde es der Vater ja doch merken? Was würde der dann denken? Vielleicht bekäme er ja wirklich Bauchschmerzen? Zu allem Übel stand ausgerechnet auf dem Glas auch noch „Greif zu“. Es war fast so, als wollten diese Bohnen vernascht werden. Warum gab es auch Bohnen, die so verführerisch dufteten? Die eine Bohne tat ja niemandem weh – es war also eine Frage des Gewissens. Könnte er sich die Bohnen überhaupt schmecken lassen, wo er sie doch nicht essen sollte?

Aber was, wenn gerade diese Bohnen morgen nicht mehr da wären und er nie erfahren würde, wie sie schmeckten. Manchmal hatte der Vater Sorten, die es nur einmal als Sonderaktion gab. Vielleicht würde er es dann immer bereuen, den süßen Geschmack nicht probiert zu haben. Es ging in ihm hin und her – für beide Seiten gab es gute Gründe. Er ging also tief in sich und dann entschied er sich.

 [Ich konnte mir hier verschiedene Ausgänge vorstellen und jeder wäre erzählenswert. Wer mag, fühle sich frei, sein eigenes Ende zu finden und zu schreiben. Entschieden habe ich mich für folgendes:]

Leicht fiel es ihm nicht, doch er wusste, dass es manchmal besser ist, mit dem Naschen aufzuhören, als einen Geschmack nicht zu kennen. Bauchschmerzen bekam er schnell, sonst hätte der Vater es ihm gegönnt.

Und während er noch in Gedanken versunken war, kam ein Junge an den Stand. Er sah die jelly beans und wollte unbedingt die, über die Felix gerade noch nachgedacht hatte. „Dann sollte es so sein.“, dachte Felix, als er das Lächeln im Gesicht des Jungen sah, nachdem dieser die erste Bohne genüsslich vernascht hatte. Die Augen des Jungen leuchteten. „Diese Bohnen waren wohl nicht für mich bestimmt. Nun machen sie einen anderen glücklich.“ – und Felix lächelte.
(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2016)

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