08 Mai

Das Meer in mir (Therapeutische Geschichte)

-inspiriert von Nicki-

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2017Seit meiner Kindheit darf ich im Sommer (m)eine Zeit an der Ostsee verbringen. Ich liebe den Geruch von Mischwald, der auf das Meer trifft. Es liegt Salz in der Luft und wenn die Sonne den Waldboden wärmt, gibt das einen einzigartigen Duft.

Schon als kleines Kind hatte ich eine besondere Beziehung zum Meer und zu Wasser. Ich konnte nicht lange genug am und im Wasser spielen. Das Wasser und die Wellen haben mich schon früh fasziniert, wenn man den Erzählungen meiner Mutter glauben darf. Mein Opa sagte dann gern „Der Junge hat wohl Wasser in seinen Adern.“

Mein Opa verbrachte den ganzen Sommer in dem kleinen Häuschen an der Ostsee, mit dem auch ich so viele wundervolle Kindheitserinnerungen verbinde. Er war handwerklich sehr begabt. Viele Tricks und Fertigkeiten habe ich bei und von ihm gelernt. Wenn es manchmal nicht gleich klappte und ich lieber spielen wollte, sagte er “… da steckt mehr in Dir – versuch es nochmal“. In meinen Ohren war es ein „Meer“, das da in mir stecken sollte“ und ich grinste. Und doch prägte sich dieser Satz bei mir ein.

Wenn es einmal schwer oder schwieriger wurde, hörte ich diese Stimme in mir „Da ist ein Meer in Dir“ und ich stellte mir „meine Ostsee“ vor – dieses riesige Wasser, die Kraft, die in ihm steckte und die Ausdauer. Diese Ausdauer, harte Steine solange gegeneinander und im Sand zu schleifen, so dass sie rund und glatt wurden, war und ist für mich ein Zeichen von Beharrlichkeit.

Nach Ausbildung und Studium hatte ich viel mit Kunden und Telefonaten zu tun. Viele meiner Kunden und die, die es noch werden sollten, bemerkten, ich sei beharrlich ohne jedoch aufdringlich zu werden. Das war für mich ein tolles Kompliment. Auch wenn ich meinen Beruf mochte, merkte ich, dass eine Stimme in mir lauter wurde „Da ist Mehr in Dir …“
Es war wie Wellen, die immer stärker ans Ufer hervordrangen und gesehen werden wollten.

Was ich als Auszeichnung und Vertrauensbeweis empfand, war, dass einige meiner Kunden mir auch Privates und Persönliches anvertrauten. Als ich darüber nachdachte, fiel mir ein, dass ich schon als Kind für andere oft Kummerkasten oder Austauschpartner war, obwohl ich eigentlich sehr schüchtern war. Ich hatte nie darüber nachgedacht, dass es wohl nicht selbstverständlich ist, dass andere mit einem Ihre Gedanken oder Sorgen teilten. Auch wenn es Mitschüler meist nicht aussprachen… da sie diese Gespräche mit mir wiederholten, schien es ihnen gut zu tun.

Dann fand ich eine Gesprächspartnerin, die mir half, meine Gedanken zu sortieren und „das Mehr in mir“ zu erkennen. Heute bin ich stolz und froh, Menschen begleiten zu dürfen, sie von sich selbst zu begeistern und sie wachsen zu sehen.

Und aus dem „Mehr in mir“ wurde wieder ein „Meer in mir“. Ich fühl(t)e ein Meer in mir – ein Meer voller Kraft und doch Ruhe, eine unglaubliche Tiefe, neue Ideen und den Wunsch, diese umzusetzen – wie Wellen, die sich immer wieder ans Ufer kämpfen.

Und vielleicht werde auch ich wie das Wasser sein und den einen oder anderen Menschen, der sich bewegen will, tragen können…

 

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2017)

 

 

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