21 Mrz

Liebes Leid (Therapeutische Geschichte)

Liebes Leid

– für V.-

Vor zwei Jahren lernten sich Valerie und Konstantin bei einem gemeinsamen Projekt kennen. Irgendwie mochten sich die beiden von Anfang an. Aber außer sich ein paar Blicke zuzuwerfen und sich gelegentlich zu necken, passierte nichts. Einige gemeinsame Mittagspausen hatten die beiden miteinander verbracht und genossen. Konstantin war ein guter Zuhörer, der stets eine große Ruhe ausstrahlte. Valerie konnte mit Begeisterung erzählen und malte Bilder in den Köpfen ihrer Zuhörer. Nach einigen Wochen war das Projekt beendet. Zum Abschluss gingen die beiden Eis essen und dann trennten sich die Wege. Es sollten 10 Monate vergehen bis sich die beiden auf einer Tagung wieder begegneten. Beide freuten sich sichtlich bei dem überraschenden Wiedersehen. Nach einem Händeschütteln, kurzem Lächeln und Hallo – gingen beide mit ihren Begleitungen weiter.

 

Valerie – Halbspanierin, aber 100% temperamentvoll,
ein bisschen schüchtern, humorvoll bis über beide Ohren, 1,83m groß und sehr gut aussehend, eine Frau, die viele Männerherzen höher (+schneller) schlagen
lässt – sich selbst aber eher als durchschnittlich betrachtet, sportlich, Chirurgin, Single … und verliebt
Konstantin – Akademiker-Sohn, Kieferchirurg , ruhig, ziemlich schüchtern, bodenständig, kein Frauentyp eher ein Kumpel, zuverlässig, ein bisschen träge, ein Fels in Brandung, 1,85m, ein bisschen pummelig, mag Kabarett, Oper, klassische Musik, engagiert sich beim DRK, seinem Segelclub, Single … und verliebt

Am Abend nach der Tagung tauschen sich beiden mit ihren Freunden aus :

V: Hi Lara, ich hab IHN heute wieder getroffen, den Konstantin, von dem ich Dir erzählt habe. Bin ganz durcheinander, er sieht noch immer toll aus und ich
war soo nervös, als er mir die Hand gab. Was soll ich
nur tun?

L: Hi Süße, Mensch klingt als ob Du grad verknallt bist? War das nicht der pummelige, wo Du nicht wusstest,
ob er Dich überhaupt mag? Erzähl mehr ;o)

V: Naja wir waren heute beide auf der Tagung – hätte
ich das gewusst, hätte ich mich ein bisschen mehr aufgebrezelt *grins* Im Anzug sah er total klasse aus
und das pummelige ist mir total egal. Als er mich angesehen hat – ich bin bestimmt rot geworden, mir
war heiß und mein Herz klopfte vielleicht … meinst Du
ich kann ihm mal eine sms schreiben ??? Danke, dass
Du für mich da bist.

L: Hey Süße, das ist doch klar. Der muss Dich ja echt beeindruckt haben … ich frag auch nicht wie ;o) Eigent-
lich sollte er glücklich sein, dass so eine tolle Frau, wie
Du sich für ihn interessiert. Weiß er denn, dass Du ihn magst?

V: Er ist einfach sooo toll, bei ihm fühl ich mich sicher, geborgen, er ist nicht so oberflächlich und ich kann mit ihm lachen :o))) Ich war mal mit ihm Eis essen, da hat er mich gefüttert … romantisch, ich war hin und weg, aber als wir uns verabschiedeten, gab es weder eine Umarmung noch ein Küsschen :o/ Ich versteh das nicht
… wenn er mich nicht mag, warum kommt er dann mit
Eis essen – aus Mitleid?

L: Nun bleib mal ganz ruhig, Männer sind auch nur Menschen, vielleicht ist er nur schüchtern? Wenn Du seine Nummer noch hast, schreib ihm doch. Kannst es
ja neutral machen – hast Dich über das Wiedersehen gefreut, Wie geht’s so? sowas …

L: Warum hast Du ihn nicht umarmt nach dem Eis? ;o)

V: Ich weiß nicht, vielleicht ist er schon vergeben oder
er will gar nichts von mir … vielleicht sollte ich noch
etwas abnehmen, vielleicht war ich auch zu direkt mit dem Eis, oh ich weiß nicht weiter

V: Ich? Das muss der Mann machen … sowas trau ich mich nicht. Aber ich hätte nicht nein gesagt, wenn er mich geküsst hätte ;o)

L: Na dann träum mal süß von Deinem Traumtypen ;o)

V: Du auch *knuddel*

K: Hi Basti, Du wirst es nicht glauben – ich habe heute die Kleine von dem Projekt wiedergesehen. Hammer, die ist so süß. 10/10 ;o)

B: Glückwunsch Kon – hast Du sie gefragt ???

K: Nee – musste gleich weiter. Morgen ist sie bestimmt nicht mehr da, aber selbst wenn, die würde ich nie ansprechen.

B: Wieso nicht? Die fandest Du doch total scharf oder

K: Klar aber da mach ich mich voll zum Klops. Die kann da vermutlich jeden haben … was soll sie da mit mir?

B: Alter, jetzt mach mal halb lang, Du bist doch ein cooler Typ. Versuchs doch! Was haste zu verlieren?

K: Damals war sie Single – heute bestimmt verheiratet mit Kindern – wobei mit der Figur vielleicht auch nicht ;o)) Ich sag Dir zum niederknien

B: Na dann RUF SIE AN

K: und dann geht ihr Mann ;o) nee ich weiß nicht – vllt ist sie ja morgen doch noch da

B: Kon – Zeltlager organisieren, Segelregatta gewinnen – aber bei einer Frau kneifen?






Am nächsten Morgen gibt es wieder sms(en)

V: Hallo Konstantin, vielleicht erinnerst Du Dich, hier ist Valerie, wir haben uns gestern getroffen. Wenn Du magst, können wir uns in der Mittagspause sehen, ich geb Dir auch ein Eis aus. Du bist doch noch auf der Tagung? LG Valerie

K: Hi Valerie, ja klar können wir uns treffen. Ich kann ab 14:00 Uhr, wenn das ok ist. cu Konstantin

V: Super, ich freu mich riesig. cu Valerie





Woraufhin beide weiter sms schreiben …

V: Lara-Maus, ich bin verzweifelt. Ich habe ihn nach

einem Mittagessen gefragt. Er kann erst später, so ab 14:00 – das ist noch soooo lange. Und auf meine letzte sms hat er nicht geantwortet, obwohl ich „freu mich riesig“ geschrieben habe … das muss er doch verstanden habe … ich immer mit meinem Kopf durch die Wand, vielleicht bin ich zu schnell für ihn und er wollte fragen oder er wollte nicht fragen … HILFE ;o)

L: Guten Morgen Sonnenschein, na wie hast Du geschlafen? Von Deinem Dreamboy geträumt?

Entspann Dich – er ist ein MANN, die brauchen meist klare Ansagen – ob der Dich mit Deiner Andeutung verstanden hat … kann sein oder auch nicht. Vermutlich musst Du da mal die Initiative ergreifen und ihn Dir schnappen. Das kannst Du doch wie ich weiß *zwinkerzwinker* ich erinnere mich da an ein Sommerfest mit Martin

V: Martin :o) das ist Ewigkeiten her, Konstantin ist da anders. Vielleicht sollte ich eine Kollegin mitnehmen?

L: Bloß nicht – ich denke, Du willst mit ihm allein reden, wenn er wirklich schüchtern ist, machst Du ihn damit
erst recht fertig.

V: muss jetzt zur Tagung, berichte Dir nach dem Essen

K: Basti – sie hat sich gemeldet !!! Wir wollen heute Mittag zusammen essen. Was soll ich jetzt machen? Wenn sie wieder ihre Kolleginnen im Schlepptau hat, wird das wieder nix. Eine Abfuhr wäre ja schon bitter genug, aber im großen Kreis … brauch ich echt nicht. Soll ich lieber absagen?

B: Alter verbock das nicht – wenn sie Dich schon nach einem Mittagessen fragt – vielleicht hast Du ja den Hauptgewinn und sie mag Dich. Und wenn nicht, verkrümelst Du Dich in die Tagung zurück.

Kon mach das !

K: Danke. Mal schauen.



Valerie und Konstantin besuchen beide die Tagung jedoch in verschiedenen Vorlesungen. Beide in der ganzen Zeit angespannt, nervös und pendeln immer wieder zwischen Vorfreude und Angst. Um auch garantiert pünktlich zu sein, ist Valerie schon ein paar Minuten eher da und setzt sich. Sie schreibt noch schnell eine sms „ich bin ganz kribbelig – ich kann ihm doch nicht sagen, dass ich ihn mag, damit er es versteht :oP „

Konstantin erscheint kurze Zeit später und sieht sie sofort. Mit jedem Schritt, den er auf sie zugeht, nimmt das Herzklopfen zu, der Mund wird immer trockener und die Knie zittern. „Hoffentlich merkt sie nicht, wie aufgeregt ich bin. Wow sie sieht mal wieder klasse aus. Verbock das nicht Konstantin! So eine Chance bekommst Du nie wieder“ denkt er noch, bevor er ihr zulächelt und sie mit einem „Hallo Valerie“ begrüßt. Beide schauen sich verlegen an und verstecken sich hinter den Speisekarten. Nachdem sie ihr Essen gewählt hatten, entschuldigt sich Valerie kurz. Durch die Aufregung muss Valerie auf Toilette … und sich nochmal „aufhübschen“, wie sie es gerne nennt. Plötzlich klingelt Valeries Handy, das sie auf dem Tisch zurückgelassen hatte. Nach dem dritten Klingeln wird es Konstantin unangenehm, denn andere Gäste schauen ihn schon an. Er greift über den Tisch und will per Knopfdruck, das Gespräch ablehnen. Plötzlich kommt per Lautsprecher eine Stimme – über Kopf war es wohl die falsche Taste. Konstantin wird rot. „Süße wenn Du es ihm nicht sagst, wird er es vielleicht nie erfahren. Und wenn Du Konstantin magst – SAG ES IHM … Süße? Val..le..rie? *beep* *beep* *beep*

Konstantin weiß nicht ob er lachen oder heulen soll, er zittert vor Anspannung und vor Glück. Valerie kommt in diesem Moment zurück. Er steht auf. „Alles oder nichts“ – er nimmt allen Mut zusammen und geht einen Schritt auf sie zu. Als sie ihm in die Augen schaut, kann er nicht mehr anders – ein letzter Schritt und er gibt ihr einen Kuss. Er erschrickt – vor sich, seinem Mut und … dass er das gerade getan hat … doch sie erwidert seinen Kuss und schließt ihre Augen. Sekunden werden gefühlt zu einer Ewigkeit. „Das wollte ich schon lange“ bricht es fast gleichzeitig aus beiden heraus.

Mit einem Moment war die Tagung unwichtig, die anderen Gäste, Zeit, Raum … sie hatten nur noch Augen füreinander und so viel was es zu erzählen gab. Aus Zweifeln und Angst wurde Leichtigkeit und Selbstverständ-lichkeit. Und es war an den Tag nicht der letzte Kuss. Die Herzen schlugen immer noch heftig, aber diesmal im Gleichklang.

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2016)

Zum einfacheren Lesen:  Liebes Leid als pdf









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Liebes Leid (Therapeutische Geschichte)
15 Mrz

Klara (Therapeutische Geschichte)

In einem Dorf am Hang eines Berges wohnte das Mädchen Klara. Ihre Eltern waren verstorben, weshalb sie bei ihrer Tante aufwuchs. Die Tante hatte ein eigenes Kind – Magnus. Er war zwar nicht so gescheit und fleißig wie Klara, aber als ihr eigenes Kind hatte sie ihn doch lieber.

Klara liebte die Natur, die Tiere und Menschen und hatte eigentlich immer ein strahlendes Lächeln im Gesicht. Die häufige Schelte ihrer Tante, sie sei zu nichts zu gebrauchen und nur ein unnützes Maul, was zu stopfen ist, vergaß sie schnell, wenn sie die Tiere oder den Garten pflegte. Ein wenig neidisch war die Tante wohl, wie gut das noch junge Mädchen mit den Tieren umgehen konnte und wie der Garten gedieh, seit Klara sich darum kümmerte. Aber das hätte sie nie zugegeben.

Als Klara in die Schule kam, bewunderte sie die anderen Kinder. Bei allem bemerkte sie, was diese besonders gut konnten. Dem starken Gerd, der schon allein morgens die Milch für die ganze Klasse in die Schule trug, Julia, die so gut malen konnte oder Jan, der so schnell laufen konnte. Nur an sich konnte sie nichts finden, was sie wohl gut könnte. Zu oft hatte sie auch die Worte der Tante gehört und vielleicht hatte die ja auch recht. Ihre Lehrerin bewunderte Klara, sie konnte den Kindern so vieles erklären und blieb ruhig, auch wenn einer es nicht gleich beim ersten Mal verstand.

Eines Tages saß der starke Gerd betrübt auf der Bank hinter der Schule. Sie setzte sich neben ihn und fragte, was ihn beschäftigte. Ach, das Zählen und Rechnen wollte ihm einfach nicht gelingen. „Hm“, sagte Klara, „habe mich schon oft gefragt, wie Du die 9 Flaschen Milch für die ganze Klasse jeden Tag in die Schule tragen kannst.“ „Oh, das ist leicht. Ich habe schon klein angefangen und dem Vater tragen geholfen auf dem Hof.“ antwortete Gerd. „Und das von Montag bis Samstag … und jede Milchflasche wiegt ein halbes Kilo …“ sagte Klara. „Ich kann noch viel mehr als 4,5 Kilo tragen – bestimmt an die neun“ meinte Gerd. Klara lächelte und plötzlich grinste auch Gerd. Und auf dem Weg nach Hause zählten sie alles, was ihnen begegnete – Bäume, Hunde, Hühner und Leute. Jeden Tag zählte und rechnete der Gerd nun auf dem Weg in die Schule und zurück.

„Du kannst so schön malen.“, sagte Klara zu Julia, die vor der Schule auf der Wiese saß. „Findest Du? Danke, das hat mir noch keiner gesagt. Ich würde so gerne einen Schmetterling malen, aber ich krieg das einfach nicht hin. Die fliegen immer so schnell wieder weg.“ Klara nahm eine Tasse, tat etwas Zucker und Wasser hinein und tröpfelte etwas davon auf die Blumen, die vor Julia wuchsen. Nach einer Weile setzte sich ein Schmetterling darauf … und blieb. Das Zuckerwasser hatte es ihm angetan. Julia betrachtete den Falter sehr genau und dann malte eine ganze Weile, immer wieder Schmetterlinge. Im nächsten Unterricht bemerkte auch die Lehrerin, wie schön Julia Schmetterlinge malen konnte.

Eines Tages auf dem Heimweg sagte der schnelle Jan zu Klara „Verrate es niemandem, aber ich habe Angst, sitzenzubleiben – ich schaff das nicht mit dem Lesen. Im Unterricht konnte ich mich bislang erfolgreich drücken, aber wenn ich nicht bald besser und schneller werde, bleibe ich wohl sitzen.“ „Ich glaube an Dich und weiß, dass Du das lernen kannst, wenn Du es willst.“ antwortete Klara und nahm einen Zettel und schrieb etwas darauf. Es wurde ein längerer Zettel. Den gab sie Jan. „Mein Geheimnis“ stand da … und Jan wurde neugierig. Auch wenn es schwer fiel, er übte jeden Tag und las Stück für Stück Klaras Zettel. Jeden Tag schrieb sie ihm einen Zettel. Sie schrieb von Ihrer Mutter, der Tante und was sie so an ihren Mitschülern bewunderte. Und dann fing Jan an, ihr zu schreiben. Zunächst waren es nur kurze Zettel über den Schultag und sein Alltag mit den Eltern. Doch dann begann er auch Geschichten für sie zu schreiben – immer länger und fantasievoller. Er konnte so wunderbar erzählen und fand stets Worte, die einem die Bilder vor Augen erscheinen ließen.

Und mit der Zeit näherte sich die Schulzeit dem Ende. Fast alle hatten einen Wunsch, was sie danach tun bzw. werden wollten. Gerd würde den Hof vom Vater übernehmen, Julia wollte Kunst studieren und Jan – Sprachen. Er hatte einige seiner Geschichten einem Verlag zugeschickt und die Zusage, dass man sie veröffentlichen wollte. Nur Klara wusste nicht, was sie werden sollte.

Traurig fragte sie die Lehrerin kurz vor Unterrichtsbeginn. Die Lehrerin überlegte und fragte, was Klara denn besonders gut könnte. „Ich kann eigentlich nichts so richtig gut.“ Die anderen Schüler waren inzwischen in die Klasse gekommen und machten große Augen. „DU ..weißt nicht, was Du werden willst? Aber … das ist doch sonnenklar!“

„Ich würde nicht mehr malen, wenn Du mir nicht geholfen hättest und mich immer wieder ermuntert hättest.“ sagte Julia. „Wenn Du nicht an mich geglaubt hättest, würde ich wohl noch immer lesen lernen“ sagte Jan und Gerd grinste „Ja und ich hätte vielleicht nie das Rechnen kapiert – wenn Du mich nicht dazu ‘angestiftet’ hättest.“

Die Lehrerin lächelte, denn sie hatte verstanden. „Das wusste ich ja gar nicht. Aber offenbar hast Du eine ganz besondere Gabe. Du kannst die Begabungen anderer erkennen und fördern, Interesse wecken und lässt sie das, was sie noch nicht verstanden haben, auf ihre eigene Weise erlernen.“

Dann sah sie Klara an „Behalte Dir die wunderbare Gabe, denn in den Kindern dieser Welt liegt unsere Zukunft. Und was die anderen in Dir sehen ist mir nun auch klar … Du solltest Lehrerin werden und Deine Begeisterung für andere in ihren Herzen weitertragen.“
(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2016)

 
 
 
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Klara (Therapeutische Geschichte)
11 Mrz

Äpfel (Therapeutische Geschichte)

Die kleine Sabine wohnte mit ihren Eltern in einem Haus mit einem großen Garten. Und weil der Garten und das Haus so schön waren, bauten ihre Eltern zum Schutz einen Zaun darum. Im Garten standen Apfelbäume – groß und kräftig und mit Äpfeln süß und saftig, zur Hälfte grüngelb und zur Hälfte orange-rot. Sabine spielte gerne im Garten und sie liebte die Äpfel. Im Herbst erntete der Vater die Äpfel stets mit der großen Leiter, in dem er sie einzeln und vorsichtig pflückte. Und es gab so viele tolle Sachen, die man aus Äpfeln machen kann.

Als Sabine in die Schule kam, lernte sie zum ersten Mal andere Kinder kennen. Im Herbst brachten viele Kinder auch ihre Äpfel als Stärkung in den Pausen mit. „Schau mal“, sagte Max, „den hat mein Papa extra für mich mit der Pflückstange von unserem besten Baum geholt,“ und biss mit einem Leuchten in den Augen in seinen Apfel. „Pflückstange?“, fragte Sabine, „Äpfel gehören von Hand gepflückt mit einer Leiter“. „

Hm, wir pflücken Äpfel immer mit der Pflückstange. Da können wir auf dem Boden bleiben“, antworte Max. „Wie kannst Du nur sowas sagen?“, ärgerte sich Sabine. „Ich habe Dir eben erklärt, wie man Äpfel pflückt. Das solltest Du Dir mal merken.“ und ließ ihn verwundert stehen.

Am nächsten Tag sah sie, wie die kleine Ulrike einen Apfel aß, der ganz grün war. „Was hast Du da für einen komischen Apfel? Der ist ja ganz grün und schmeckt bestimmt ganz sauer“, spöttelte Sabine und sah die anderen Kinder an. Die sahen Sabine erstaunt an und drehten sich weg. Die kleine Ulrike sagte „Meine Mutter hat den von unserem Bäumchen geschüttelt.“ und biss nochmal ab. „Geschüttelt?“, Sabine wurde ganz rot im Gesicht, „Ihr schüttelt die Äpfel vom Baum? Äpfel pflückt man mit einer Leiter vom Baum!“ Ulrike sah sie verwundert an. „Unsere Bäumchen sind nicht so groß, dass da eine Leiter nützlich wäre. … Ist doch auch egal, wie – Hauptsache, er schmeckt!“ und lächelte. Dann griff sie in ihre Tasche und holte noch einen grünen Apfel heraus und bot ihn Sabine an.

„Egal? Wieso verstehst Du das nicht?“ – Sabine wurde immer wütender. „So einen komischen Apfel esse ich nicht! Äpfel sollten zur Hälfte grüngelb und zur Hälfte orange-rot sein. Und wenn Du das nicht endlich kapierst, bist Du doof!“, grollte Sabine verärgert und stampfte davon. Ulrike wurde traurig und lief zu den anderen Kindern. Die hatten sich von den beiden entfernt, um in Ruhe ihre Äpfel zu essen.

Sabine konnte gar nicht verstehen, warum die anderen Kinder sie so mit ihren Äpfeln ärgern wollten. Schließlich hatte sie doch Recht und die anderen waren alle komisch.

Als sie nach Hause kam, erzählte sie ihrer Mutter davon und wurde schon bei den Gedanken an die Pause wieder wütend. Denen werde ich es morgen zeigen, ich werde der Lehrerin ein paar Äpfel aus unserem Garten mitbringen, dann wird sie den anderen schon sagen, wie richtige Äpfel aussehen und wie man sie pflückt.

Die Mutter sah sie traurig an. Dann nahm sie Sabine an die Hand und spazierte mit ihr durch die Nachbarschaft. „Das hätte ich mit Dir schon viel früher machen sollen.“, sagte sie und zeigte ihr die Gärten und die Apfelbäume darin. Da waren dunkelrote, rot-grüne, gelbe und bunte, große und kleine Äpfel. „Das sind alles Äpfel. Manche sind süßer, andere saurer, manche fester und andere weiche und jeder ist genau so richtig, wie er ist.“ Dann kniete sie sich zu ihrer Tochter „Es gibt viele Sorten Äpfel und verschiedene Wege, sie zu pflücken.“ „ABER…“, unterbrach sie Sabine. „Nur weil wir eine Leiter benutzen und Du die eine Apfelsorte magst, sind die anderen nicht komisch oder schlechter“ „ABER…“, konterte Sabine wütend ein zweites Mal, „die anderen Kindern ärgern mich mit ihren Äpfeln!“

„Nein“, sagte die Mutter, „Du ärgerst Dich! Die anderen Kinder stören sich nicht an Deinem Apfel. Warum tust Du es?“ „Ich bin doch so stolz, auf unsere Äpfel“ sagte Sabine etwas kleinlauter, „daraus, kann man so tollen Kuchen und Apfelmus daraus machen“ Die Mutter grinste verschmitzt „Den Apfelkuchen mache ich aber mit den Äpfeln vom Max und zu Deinem geliebten Apfelmus mische ich stets ein paar von den Äpfeln von der Ulrike dazu. Dann schmeckt es besser.“

Es dauerte ein paar Tage und einige Spaziergänge durch die Gärten bis Sabine erkannte, wie viele Apfelsorten und Apfelbäume es gab. „Eigentlich ist es doch ganz schön, dass es verschiedene Äpfel gibt, so kann man auch mal andere Äpfel zu probieren“, freute sie sich.

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2016, derzuhoerer-berlin.de)

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Äpfel (Therapeutische Geschichte)