30 Jun

Psychoonkologie – Blogprojekt & Podcast – 2. Ängste bei Krebs

 

Mit meiner Kollegin Franziska Sebode von wieder-leben.info habe ich ein Videoprojekt begonnen zum Thema Psychoonkologie. Sie ist selbst Betroffene und schreibt in ihrem blog Lass-uns-reden u.a. über Krebs, Angst, Trauer und vieles mehr.

In mehreren Beiträgen werden wir verschiedene Aspekte rund um das Thema Psychoonkologie betrachten. Wir freuen uns über Zuschauerfragen und werden gerne darauf eingehen/reagieren.

Mir ist die Psychoonkologische Begleitung eine Herzensangelegenheit, die in Deutschland noch viel mehr Raum bekommen sollte.

 

Angst ist eines der beherrschenden Themen im Rahmen einer Krebserkrankung. Dies betrifft nicht nur die erkrankte Person selbst, sondern auch ihr Umfeld. Die Angstthemen reichen vom eigenen Tod, Schmerzen, Sorgen über die Zukunft von Kindern und PartnerINNEn bis hin zur Behandlung selbst und deren Folge. Das Spektrum und die Intensität ist dabei individuell.

 

 

Eine Krebsdiagnose ist für die meisten Menschen ein Schock- Ähnlich wie in einer Trauer können Phasen von Nicht-wahrhaben-Wollen und Rückzug, Zorn, Verhandeln (mit höherer Macht), Depression und Trauer sowie Akzeptanz folgen (vgl. Trauerphasen nach Elisabeth Kübler-Ross). Wie hast Du das erlebt?

Diese Phasen kann man nicht überspringen. Und es ist wichtig, das anzunehmen und auszuhalten. Und für die Außenstehenden ist das Wissen nötig, um Erwartungen an den Patienten und die Kommunikation mit ihm der Situation anzupassen.
Ich habe es bereits vorher erwähnt: In der Phase des Schocks und der Verleugnung macht es keinen Sinn, schon über Behandlungen und Pläne zu sprechen oder Entscheidungen zu erwarten. Nur halten die Patienten und auch die Angehörigen diese Phase kaum aus und wollen durch Aktion von den Gefühlen ablenken. Und die behandelnden Ärzte müssen einen Behandlungsplan erstellen. Aber die Betroffenen sind zu dieser Zeit nicht in der Lage, rational zu denken und zu handeln.
Sie brauchen ganz pragmatische Unterstützung, Begleitung, jemanden, der mitschreibt, nachfragt, übersetzt. Und vor allem ehrliche und wertschätzende emotionale Nähe. Ein “das wird schon wieder, das überlebt man” etc sind nur Ausdruck der eigenen Überforderung, helfen aber dem Patienten nicht. “Ich weiss, wie du fühlst..”, nein, das weißt du nicht! Jeder Mensch hat seine eigene Geschwindigkeit, seine individuelle Wahrnehmung. “Der xy hatte das auch…” – das mag sein, aber es geht jetzt um mich!

 

 

Krebserkrankungen sind meist von vielen Ängsten begleitet. Neben der aktuellen Bedrohung durch die Krebsdiagnose begleitet jemanden die Angst vor einem erneuten Auftreten (Rezidiv). Wie konntest Du damit umgehen?

Bei einer schweren Krankheit wird immer vor allem eines verletzt: das bisherige unerschütterliche Vertrauen in die eigene Unversehrtheit. Wer nicht gerade unter Hypochondrie leidet, hat bisher nie einen Gedanken an eine schwere Krankheit und die eigene Sterblichkeit verschwendet. Plötzlich stellt sich die Frage, warum man mögliche frühe Anzeichen nicht wahrgenommen hat. Der eigene Körper hat einen verraten, er ist verletzlich und wird zum Feind. Eine regelmäßige Nachsorge gibt nach und nach das Gefühl, wieder Vertrauen zu gewinnen und nicht bei jedem kleinsten Symptom in Panik zu verfallen. Bei mir hatte sich die Angst vor einem Rezidiv nach etwa einem Jahr gelegt. Ich habe für mich entschieden, dass ich nicht ständig in Angst vor der Zukunft leben will.
Geholfen haben mir positive Glaubenssätze und die Verankerung im Hier und Jetzt. Des weiteren habe ich bei meinen Therapien sehr viele Frauen in unterschiedlichsten Lebenssituationen getroffen: mit mehreren Rezidiven und auch einige am Ende der Therapierbarkeit. Einen Monat vor meinem Rezidiv habe ich auf der Beerdigung einer Freundin gesessen, die zeitgleich mit mir ihre erste Brustkrebsdiagnose erhalten hatte.
Letztendlich habe ich verstanden, dass keine Angst und Panik der Welt mein Schicksal beeinflussen wird. Wenn überhaupt, dann durch negativen Einfluss auf meine Psyche und mein Immunsystem.
Loslassen und das Leben in all seinen Facetten zu bejahen, gibt mir innere Ruhe. Selbstverständlich spüre ich auch immer wieder Angst, aber ich lasse sie zu, schau sie mir an und lasse sie los.
Auch heute noch können schwere Krankheitsdiagnosen zu Rückzug und/oder Isolation führen. Wie offen bist Du damit in Deinem Umfeld umgegangen?
Ich habe mein Umfeld immer ermutigt, mir Fragen zu stellen und bin offen und ehrlich mit meiner Diagnose umgegangen. Ich habe darum gebeten, mich “normal” in den Alltag einzubeziehen und habe überwiegend ein positives Echo erhalten. Man darf nicht vernachlässigen, dass auch die Umgebung unsicher ist, wie sie mit dem Erkrankten umgehen soll. Ehrlichkeit und Offenheit sind der beste Weg gegen Missverständnisse. Und sie wirken auch entängstigend für das Umfeld. Denn eine Krebsdiagnose konfrontiert auch die Anderen mit ihrer eigenen Verletzlichkeit.

Wie hast Du Deine Familie informiert?

Das war sehr schwer. Vielleicht das Schwerste von allem. Meinem Mann habe ich die Diagnose per whatsapp geschickt, ich hätte nicht sprechen können. Meiner Tochter habe ich es sehr klar und schnell gesagt, ich habe sie wahrscheinlich damit überfordert, aber ich wusste mir selbst keinen anderen Rat. Ich kann mich an vieles heute nicht mehr erinnern. Ich war zu der Zeit nur im “Funktionier”-Modus und habe funktioniert.

Wie haben Deine Angehörigen reagiert? Wie seid ihr danach miteinander umgegangen?

Von tiefer Verzweiflung bei meiner Mutter bis hin zu sehr viel hilfreichem Pragmatismus bei meinem Mann und meiner Schwester. Ich war in unserem unmittelbaren Umfeld – besonders in der Klasse meiner Tochter – nicht der erste Krebsfall. Alle vorher Betroffenen hatten überlebt. So haben alle von Beginn an einen unerschütterlichen Glauben an meine Heilung entwickelt. Sicher auch zum Selbstschutz, um die größten Ängste zu verdrängen. Aber es war hilfreich, weil so alle Energie in die Therapie fließen konnte. Trotzdem glaube ich heute, dass vieles unausgesprochen blieb und jeder auf seine Weise allein mit seinen Gefühlen war.

Welche Ängste hat Dein Umfeld geäußert?

Da muss ich mich auf meine vorangegangene Antwort beziehen. Wir haben bis heute nicht über diese Ängste gesprochen. Jeder hat seine eigene Coping-Strategie gefunden. Ich habe mir bis heute nicht die Frage beantworten können, ob das Aussprechen und Benennen von Ängsten zum damaligen Zeitpunkt hilfreich oder kontraproduktiv gewesen wäre. Ich sehe aus heutiger Sicht dieses gemeinsame “von der Heilung überzeugt sein” für unsere Familie als gelungene Abwehrstrategie an.

Welche Ängste waren für Dich von besonderer Bedeutung?

Meine größte Angst war es, nicht für mein Kind da sein zu können und meinen Liebsten Schmerz zu bereiten. Und ich hatte Angst vor dem Unbekannten: den Behandlungen und vor Schmerz und Verfall.

Du hattest in Deiner Behandlungszeit viel Kontakt mit ÄrztINNen, Pflegekräften und TherapeutINNen. Die Psychoonkologie schließt diesen Personenkreis ganz bewusst in ihren Aufgabenkreis ein. Wie hast Du den Kontakt erlebt?

Meine Behandlung im Brustzentrum der Charite war optimal: Therapie und Kommunikation haben alle auf das Konto Heilung eingezahlt. Empathische, professionelle und zugewandte Betreuung durch alle Beteiligten haben mir sehr viel Kraft gegeben. Meine Ärztin war realistisch und offen. Alle Prozesse wurden mir erläutert und ich hatte großes Vertrauen in sie. Ich war immer der Mensch, nicht die Diagnose – meine Bedürfnisse und Fragen wurden ernst genommen. Vor allem habe ich mich immer auf Augenhöhe einbezogen gefühlt. Das war aber auch ein Ergebnis meines eigenen Umgangs mit allen medizinischen Betreuern. Ich habe immer im Rahmen meiner Möglichkeiten Selbstverantwortung gezeigt und meine Bedürfnisse formuliert.
Eine verständliche und gute Aufklärung über alle Behandlungen erhöhen die Compliance der Patienten. Nebenwirkungen werden so besser akzeptiert.
Aber ich habe auch im eigenen Umfeld andere Fälle erlebt: Ärzte, die ihre eigene Unsicherheit oder fehlende Empathie hinter Arroganz, Kälte, Fachchinesisch und Distanz versteckt haben. Kommunikation, die durch ihren Nocebo-Effekt kontraproduktiv für jede Therapie ist.

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2020)

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23 Jun

Psychoonkologie – Blogprojekt & Podcast – 1. Was ist Psychoonkologie?

 

Mit meiner Kollegin Franziska Sebode von wieder-leben.info habe ich ein Videoprojekt begonnen zum Thema Psychoonkologie. Sie ist selbst Betroffene und schreibt in ihrem blog Lass-uns-reden u.a. über Krebs, Angst, Trauer und vieles mehr.

In mehreren Beiträgen werden wir verschiedene Aspekte rund um das Thema Psychoonkologie betrachten. Wir freuen uns über Zuschauerfragen und werden gerne darauf eingehen/reagieren.

Mir ist die Psychoonkologische Begleitung eine Herzensangelegenheit, die in Deutschland noch viel mehr Raum bekommen sollte.

 

Im ersten Block gehe auf die Bedeutung von Psychoonkologie -im doppelten Sinne- ein: die wörtliche und die für das Gesundheitssystem.

 

 

Psychoonkologie – setzt sich aus den Bereichen/Worten der Psycho(therapie) und der Onkologie, die sich interdisziplinär mit der Prävention, Diagnostik, Therapie und Nachsorge von malignen (bösartigen) Tumorerkrankungen (Krebs) befasst, zusammen.

 

Die Gesamtheit der Krebserkrankungen stellt aktuell (nach den Herz-Kreislaufkrankheiten) den zweiten Platz bei den Todesursachen in Deutschland dar. Zu den häufigsten Krebsarten zählen dabei Brust-, Prostata-, Lungen- und Darmkrebs.

2014 wurde bei 476.216 Menschen (227.001 Frauen, 249.215 Männer) in Deutschland eine Krebsdiagnose gestellt. Das Robert-Koch-Institut (RKI) schätzt für das Jahr 2020 einen Anstieg auf ca. 520.000 Neuerkrankung pro Jahr.

 

 

 

Neben der onkologischen Behandlung der PatientINNen kommt insbesondere der Psychoonkologie (auch Psychosoziale Onkologie) eine besondere Bedeutung zu. Die Psychoonkologie befasst sich “mit dem Erleben und Verhalten sowie den sozialen Ressourcen von Krebspatienten im Zusammenhang mit ihrer Krebserkrankung, deren Behandlung sowie damit verbundenen Problemlagen… Aufgabe der Psychoonkologie ist es, die Bedeutung psychologischer und sozialer Faktoren für die Entstehung, Früherkennung, Diagnostik, Behandlung, Rehabilitation, Nachsorge sowie den gesamten Verlauf einer Tumorerkrankung und deren Wechselwirkungen wissenschaftlich zu untersuchen und die gewonnenen Erkenntnisse in der Prävention, Früherkennung, Diagnostik, Behandlung, Rehabilitation, ambulanten Versorgung und Palliativbetreuung von Patienten nutzbar zu machen und in konkrete Unterstützungs- und Behandlungsangebote umzusetzen. Dabei schließt die Psychoonkologie nicht nur die direkt von der Krankheit betroffenen Personen, sondern auch die Angehörigen und das soziale Umfeld mit ein. Darüber hinaus sind auch die Behandler (Ärzte, Psychotherapeuten, Pflegende (Gesundheits- und Krankenpfleger/-innen) und alle in der Onkologie tätigen Berufsgruppen) wichtige Zielgruppen psychoonkologischer Unterstützung hinsichtlich der Bereitstellung von Fort- und Weiterbildungs- sowie Supervisionsangeboten… Die Psychoonkologie ist ein Arbeitsgebiet innerhalb der Onkologie, in das Inhalte aus den Fachbereichen Medizin, Psychologie, Soziologie, praktische Philosophie und Ethik, Theologie sowie Pädagogik mit einfließen. Die Psychoonkologie zeichnet sich durch eine interdisziplinäre und multiprofessionelle Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen aus. So arbeiten in der psychoonkologischen Versorgung der Patienten Ärzte unterschiedlicher Fachgebiete, Psychologische Psychotherapeuten, Psychologen, Sozialarbeiter, Pädagogen, Vertreter der Künstlerischen Therapien, Pflegende, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Seelsorger der verschiedenen Religionsgemeinschaften zusammen.”

 

Eine psychoonkologische Betreuung soll Unterstützung geben bei psychischen und sozialen Problemen sowie sonstigen Problemen im Kontext einer Krebserkrankung und deren Behandlung. Dabei kann es im ersten Schritt (nach der Diagnose) darum gehen, Unterstützung bei der Verarbeitung der Krebsdiagnose zu geben. “Zentrale Aufgaben der psychoonkologischen Versorgung sind patientenorientierte und bedarfsgerechte Information, psychosoziale Beratung, psychoonkologische Diagnostik und psychoonkologische Behandlung zur Unterstützung der Krankheitsverarbeitung sowie Verbesserung / gezielte Behandlung psychischer, sozialer sowie funktionaler Folgeprobleme.”

Im weiteren kommen Aspekte wie die Verbesserung der psychischen Befindlichkeit sowie bei Begleit- und Folgeprobleme der medizinischen Diagnostik oder Therapie, die Erhöhung von Lebensqualität der Betroffenen und ihrer Angehörigen z.B. durch das Stärken von sozialen Ressourcen.

Neben der körperlichen Belastung durch die Erkrankung und deren Behandlung, die teilweise einen massiven Eingriff bedeutet, erleben KrebspatientINNen weitere psychosoziale Belastungen wie psychische, soziale oder spirituelle/religiöse Probleme. Betroffene erleben ebenso negativen Stress (

Distress), verschiedene Ängste (u.a. Progredienz- und Rezidivangst [fortschreitende Erkrankung bzw. erneutes Auftreten nach der Therapie]) und depressive Symptome.

 

Zur psychoonkologische Therapie/Begleitung gehören

  • ● psychosoziale Beratung (für Krebspatienten und Angehörige)
  • ● Psychoedukation (für Krebspatienten und Angehörige)
  • ● Psychotherapie
  • ● Stressbewältigungstraining
  • ● Entspannungsverfahren
  • ● künstlerische Therapien (Kunsttherapie, Tanztherapie, Musiktherapie u.a.)

 

 

Für mich (sz) bedeutet Psychoonkologie neben der Psychoedukation, für KrebspatientINNen und deren Angehörige da zu sein, wertfrei zuhören, Halt zu geben, sie im Leben zu begleiten, mit ihnen Situationen der Normalität zu schaffen, Ängste und Stress zu reduzieren und ihre Lebensqualität zu erhöhen. „Hoffnung gibt es bis zum Schluss.“

 

Das Netz der psychoonkologischen Betreuung sollte m.E. deutlich engmaschiger gespannt werden. Selbst unter den psychotherapeutisch Arbeitenden gibt es in meiner Wahrnehmung noch Vorbehalte. Dabei ist Psychoonkologie in vielen Fällen keine Sterbebegleitung, sondern eine Lebensbegleitung. Eine Krebsdiagnose ist heute bei vielen Krebsformen kein “Todesurteil” mehr. Die Behandlungsmöglichkeiten und -erfolge werden ständig verbessert.

 

 

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Onkologie

Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatienten, Kurzversion 1.1, 2014, AWMF-Registernummer: 032/051OL, https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/psychoonkologie/, Stand Januar 2014, (Originaltexte)

 https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/gesundheitsgefahren/krebs.html

 https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Krebsregisterdaten/krebs_node.html

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/30563/umfrage/jaehrliche-krebserkrankungen-und-todesfaelle-in-deutschland/

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2020)

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05 Sep

Ein tolles Feedback zu meiner Geschichte “Das Aber-Männchen”

Ich bin gerade so erfreut und beseelt über eine Rückmeldung, die ich kürzlich erhielt.

Anfang des Jahres wurde ich vom Seraphischen Liebeswerk Solothurn SLS angefragt, ob einige meiner Geschichten in der selbst aufgelegten Zeitschrift „Antonius von Padua“ veröffentlicht werden dürfen. Die erste war “Das Aber-Männchen” und gerade aktuell „Die gestohlene Zeit“.

Dann bekam ich eine Rückmeldung von Schwester Klara zur ersten Geschichte:

“Inzwischen sind noch zwei „Echos“ auf die Erzählung „Das Aber-Männchen“ bei uns eingetroffen. In einem Brief schrieb jemand:

Die Geschichte im letzten Antoniusheft vom «Aber-Männchen» hat mich sehr berührt und zum Nachdenken angeregt. Sie ist wirklich zauberhaft und wundervoll! Vielen Dank für diesen wundervollen Beitrag.

In einem zweiten Brief berichtete eine Frau, dass ihr Enkel sich nach dem Lesen der Geschichte gleich hinsetzte, um das Aber-Männchen zu zeichnen.”

Das Foto der Zeichnung war im Anhang und sie war so freundlich, beim jungen Künstler Jamiro und seiner Familie die Erlaubnis zur Veröffentlichung einzuholen. Daher freue ich mich sehr das Bild zu zeigen:

 

Zeichnung Jamiro zu Das Aber-Männchen aus Herzgeschichten für kleine Glücksmomente

 

Und hier auch nochmal die Geschichte dazu:

 

Das Aber-Männchen
(Therapeutische Geschichte)
-gewidmet Sabine Gerbrand-

© Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2017In einem Wald nahe einer Wiese und einem kleinen Bach leben die Waldlinge. Du musst wissen, dass Waldlinge etwa so aussehen wie Menschen, nur viel kleiner. Selbst wenn du mal in diesen Wald kommen solltest, wirst du sie wohl nicht entdecken, denn sie leben gut versteckt. Waldlinge leben von und mit dem, was der Wald ihnen bietet. Im Winter ziehen sie sich unter die Erde in ihre Baumkeller zurück.

In diesem Dorf der Waldlinge lebte einer, den alle nur das Aber-Männchen oder Aberich nannten. Vielleicht nicht immer und doch sehr häufig, hörte man ihn etwas sagen wie: „aber ich wollte doch nur …“ oder: „das ist gut, aber zu groß/klein/viel/ wenig für mich“ So wurde aus dem häufigen „aber ich …“ der Aberich.

Auch wenn die anderen Waldlinge zum Beispiel etwas Neues gefunden, hergestellt oder verschönert hatten, hörten sie etwas wie „Das sieht schön aus, aber zu … bunt oder zu dunkel oder zu hell für mich.“ oder „Ein schöne Idee, aber ich glaub das wird schwer … und wer soll das ganze bezahlen?“ oder „und wer braucht schon … ?“

Man könnte glauben „aber … zu“ oder „und wer …“ wären seine Lieblingsworte. Eigentlich war Aberich nur etwas unsicher und manchmal auch etwas neidisch auf das, was andere geschafft hatten. So versuchte er, damit besser klar zu kommen, dass er manche Dinge nicht hatte oder konnte. Wenn er sich die Dinge weniger schön redete, empfand er es leichter.

Die anderen Waldlinge fanden es natürlich schade, wenn er an ihren Sachen etwas bemängelte und immer etwas fand, was „zu“ klein, groß, schwer, leicht, hart, weich etc. war. Irgendwann zeigten ihm immer weniger Waldlinge die Dinge, die sie so gefunden, geerntet oder gebaut hatten, denn keiner wollte wieder hören, was dem Aberich nicht gefiel. Als Aberich das bemerkte, wurde er traurig. Es beschäftigte ihn sehr. Er dachte darüber nach und schlief dabei irgendwann ein.

Im Traum erlebte er viele dieser Begegnungen mit den anderen Waldlingen. Plötzlich fiel auch ihm auf, dass er sehr oft “… aber zu …“ oder „und wer …“ sagte. Eigentlich wäre es doch schöner, wenn er sich mit den anderen freuen könnte, anstatt sie zu beneiden. Er sah in seinem Traum, wie traurig manche der anderen Waldlinge wurden, wenn er meistens etwas auszusetzen hatte. Diese Worte „ABER ZU“ und „UND WER“ wurden immer größer und größer in seinem Traum, wie riesige Felsblöcke.

Plötzlich schwebten die Felsen über seinem Kopf und drohten ihn zu erschlagen. Aberich bekam ordentlich Angst und hob die Hände über seinen Kopf. Da begannen die Felsblöcke in kleinere Steine zu zerspringen.

Jeder Stein wurde zu einem der Buchstaben und die drehten sich vor ihm. A, B, E, R, Z, U wirbelten hin und her und dann sah er es: Die Steine passten zusammen … doch irgendwie anders. Er sortierte die ganzen Buchstaben neu und lächelte. Aus „ABER ZU“ wurde: „ZAUBER“ und aus „UND WER“ entstand: „WUNDER“.

Als Aberich am nächsten Morgen aufwachte, sah man ein strahlendes Lächeln in seinem Gesicht. Er sprang auf, machte sich fertig und ging durchs Dorf. Manchmal entdeckte er etwas Neues im Dorf und sagte „Das ist sehr schön …“ und die anderen Waldlinge fragten dann gleich “ … aber zu …?“ und er lächelte „und ZAUBERhaft“ oder „und WUNDERvoll“ entgegnete er.

Schnell sprach es sich im Dorf herum, dass etwas passiert war mit Aberich. Anfangs waren manche noch skeptisch, doch als sie merkten, dass er sich wirklich verändert hatte, freuten sie sich sehr. Und er freute sich, dass die anderen Waldlinge auch freundlicher zu ihm waren und gerne mit ihm sprachen. Sie zeigten ihm nun gerne ihre Sachen, die sie so gefunden hatten. Und immer mehr Waldlinge nannten ihn wieder bei seinem eigentlichen Namen: Caius.

 

Gefallen gefunden und neugierig geworden? Diese und viele weitere Geschichten für Groß und Klein gibt es in meinem Buch

 

 

 

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2017)

 

 

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08 Aug

Wie man einen Fluss bestraft (Therapeutische Geschichte)

Wie man einen Fluss betraft Weisheiten SinnSationsGeschichten in Herzgeschichten

 

“Wie man einen Fluss bestraft” heisst meine neueste Kurzgeschichte, die nun auf nur-positive-nachrichten.de veröffentlicht ist. Sie befasst sich mit dem Thema “Schuld” und wie wir sie so gern bei anderen suchen.

Manchmal könnte das Leben durch Akzeptanz und eigenverantwortliche Veränderung so viel leichter sein.

 

Wie man einen Fluss betraft Weisheiten SinnSationsGeschichten in Herzgeschichten

 

 

Hier gibt es die Hörversion:

 

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2019)

(Ansichten 89, 1 Ansichten heute)
31 Jul

Die Weisheiten der alten Eule 9 (Therapeutische Geschichte)

Die Weisheiten der alten Eule © Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2018

Die Weisheiten der alten Eule
(Therapeutische Geschichten)

In einer sehr alten Eiche lebte eine auch ziemlich alte Eule. Mit der Zeit konnte sie schlechter hören und sehen, aber die Tiere des Waldes gingen gern zu ihr, wenn sie Sorgen und Probleme hatten. Im Gespräch mit der alten Eule fanden viele Tiere ihre Lösungen und verstanden, was das eigentliche Thema war. Von einigen dieser Begebenheiten will ich berichten.

 

Die Kuh Nicole

Vielleicht fragt ihr euch, warum eine Kuh im Wald lebt, denn normalerweise leben Kühe ja eher auf einer Wiese. Aber die Kuh Nicole lebte schon so lange im Wald, dass keiner mehr wusste, warum. Auch sie selbst konnte es nicht mehr sagen und fühlte sich doch manchmal nicht dazugehörig. Eines Tages kam die Kuh an der alten Eiche, in der alte, weise Eule lebte, vorbei und setzte sich darunter. „Muuuhuu“ seufzte sie leise vor sich hin. Die weise Eule hörte es eine Weile und flog dann hinab zur Kuh Nicole.

„Duhu siehst traurig aus.“, sagte die Eule, „Hast Du Kuhummer?“ Da kullerten ein paar Tränen aus Nicoles Augen. „Ich habe mein Lächeln verloren“, schluchzte sie, „und weiss manchmal nicht, ob ich hier her gehöre oder wie es weitergehen soll. Ich bin doch nur eine Kuh. In meinem Leben habe ich schon so einiges erlebt und wurde oft verletzt.“ Die Eule nickte. „Eine Kuh im Wald … das ist doch komisch. Was soll ich denn hier? Mich will doch niemand hier. Ich sollte weggehen … vielleicht für immer.“

„Ich weiss noch, wie Du als Kälbchen hier ankamst im Wald. Du hattest einige Wunden auf Deinem Weg hier her mitgenommen. Wir wussten anfangs nicht, ob Duhu es schaffen wirst.“, sagte die alte Eule plötzlich, „Aber Duhu warst stark. Duhu hast gehört, wie einige zweifelten und andere Tiere fragten, ob Duhu in den Wald gehörst. Duhu hast gekämpft. Duhu warst stark und hast gelächelt, wenn jemand Deine Wunden versorgte, auch wenn es manchmal schmerzte. Duhu wolltest den anderen nicht zeigen, wenn es Dir wehtat.“

Mit gesenktem Kopf schaute Nicole zur weisen Eule. „Das ist natürlich in Ordnung und doch nimmst Du den anderen die Möglichkeit, auf Deinen Schmerz zu reagieren.“, fuhr die Eule fort, „Auf Dauer hat Dich dann der versteckte Schmerz vielleicht Dein Lächeln vergessen lassen.“ Die Kuh Nicole schaute recht verzweifelt und fragte „… und was soll ich nun tun?“ „Wir werden Dein Lächeln suchen.“, sagte die weise Eule, „Lass uns in Deinem Haus anfangen.“

„Na gut“, druckste Nicole kleinlaut und spürte, dass es ihr gut tat, wenn jemand einfach da war und ihr zuhörte. Dann begann sie zu suchen – im Schrank, unter dem Bett, hinter dem Sessel, auf den Fensterbrettern. Doch nirgends war etwas zu finden, was sie ihr Lächeln wiederfinden ließ. Die Eule schaute auf die Bilder, die in Nicoles Haus an den Wänden hingen. „Wo ist das fotografiert worden?“, fragte sie immer mal wieder. Nicole erzählte zu jedem Bild eine kleine Geschichte, was sie auf den Bildern mit ihren Freunden jeweils unternommen hatte. „Duhu hast tolle Freunde und viel mit ihnen erlebt.“, sagte die alte Eule. „Naja, kann sein“, sagte Nicole kleinlaut. Mit jedem Bild und jeder damit verbundenen Erinnerung schien ihr Gesicht etwas weniger traurig. Dann zog die weise Eule ein Bild unter einer Ecke eines Teppichs hervor, was offenbar irgendwann vom Tisch gefallen war. Es war eine merkwürdige Kritzelei. „Was ist denn das?“, fragte die Eule.

 

Die Kuh Nicole Weisheiten der alten Eule 9 SinnSationsGeschichten in Herzgeschichten

 

Nicole schaut auf das Bild und ein paar Tränen rannen aus ihren Augen. Dann begann sie plötzlich unter Tränen zu lachen. „Das ist von Micki, der kleinen Tochter vom Biber – meinem Patenkind. Sie wollte mir unbedingt ein Bild malen, weil ich doch eine Heldin für sie bin.“ Plötzlich fielen Nicole wieder die vielen schönen Dinge in ihrem Leben ein. Sie hatte Freunde, glückliche Momente und sie konnte wieder lächeln und sogar LACHEN.

Da sie nur auf ihren Kummer geachtet hatte, hatte sie die anderen, schönen und glücklichen Momente vergessen. Seit dem hing ein weiteres Bild an Nicoles Wand und wann immer sie sich nicht so gut fühlte, schaute sie auf dieses Kritzelbild, erinnerte sich und konnte wieder lächeln.

 

 

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2019)

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11 Mrz

Im Land der Unfreundlichen (Therapeutische Geschichte)

Du bist das Echo der Welt. Erkenntnis, Menschen

Im Land der Unfreundlichen
(Therapeutische Geschichte)

Ich hatte mich eigentlich auf den Urlaub gefreut – ein anderes Land, eine neue Kultur und Sprache. Doch kaum war ich dort angekommen und noch ganz im Stress der Reise, fielen mir die unfreundlichen Menschen auf. Wohin ich auch schaute, blickte ich meist in unfreundliche, bestenfalls skeptische Gesichter. Waren die Leute einfach nur fremdenfeindlich oder warum schauten sie mich so komisch an? „Scheint das Land der Unfreundlichen zu sein.“, brummelte ich leise vor mich hin.

An einem Marktstand fiel es mir gleich auf. Der Frau vor mir packte der Obsthändler mit einem Lächeln ein paar Sachen extra in die Tüte und verabschiedete sie freundlich. Obwohl ich in seiner Sprache bestellte, erntete ich wieder nur einen abfälligen Blick. Es war zum Verzweifeln. Und hier sollte ich nun meinen Urlaub verbringen? Wie habe ich mich nur darauf einlassen können? Erschöpft und voller Selbstmitleid setzte ich mich auf eine Treppenstufe.

Plötzlich sprach mich ein kleiner Junge an, der vielleicht 6-7 Jahre alt war: „Bist Du krank?“ Ich freute mich, dass ich ihn verstanden hatte und schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte ich zögerlich, „Wieso fragst Du?“ Er reichte mir seine Hand und ich nahm sie. Er führte mich ein paar Meter durch eine Gasse bis zu einem kleinen Laden, in dem eine alte Frau Souvenirs für Touristen verkaufte. „Ah, schon klar – eine Verkaufsmasche“, dachte ich. „Ist das Deine Oma?“, fragte ich ihn skeptisch. „Wer?“, sah er mich erstaunt an.

Und dann sah ich es. Plötzlich sah ich mein Spiegelbild in der Glasscheibe und erschrak. Hatte ICH wirklich die ganze Zeit so finster geschaut? Meine innere Anspannung stand mir bildlich ins Gesicht geschrieben. Der kleine Junge hatte mein Erschrecken und meinen verdutzten Gesichtsausdruck bemerkt und musste grinsen. Dann begann er zu lachen. Ich konnte nicht anders und lachte mit ihm. Er machte Grimassen und ich glaube, er versuchte ein bisschen, meinen finsteren Gesichtsausdruck nachzumachen. Aber ich konnte ihm nicht böse sein.

Er hatte mir den Tag versüßt und ich fühlte mich entspannter. Die alte Frau sprach mich plötzlich mit einem Lächeln an: „Kommen Sie gerne herein, wenn Sie wollen.“ Sie war die erste, die mich heute angelächelt hatte und so trat ich ein. Obwohl ich eigentlich nichts kaufen wollte, fiel mir doch ein bemaltes Holzschild auf. Ich kaufte Wasser und ein paar Snacks für unterwegs. Die alte Dame hatte wohl meine Blicke bemerkt und packte es mit ein. „Ein Geschenk – als Erinnerung.“, sagte sie lächelnd. Als ich das Geschäft verließ, war der Junge verschwunden.

Doch die Menschen, die mir entgegenkamen, lächelten mich an. Alle schienen wie ausgewechselt. Das machte mir meinen ersten Tag plötzlich viel leichter. Abends traf ich zur Begrüßung einen meiner einheimischen Reiseleiter und zeigte ihm mein Andenken. „Das ist weise.“, sagte er. Ich fragte ihn, was es denn bedeuten würde. Sinngemäß stand darauf „Die Welt ist Dein Echo.“

Ich lächelte und verstand. Nun begann mein Urlaub im Land der Freundlichen.

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2019)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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12 Feb

Die Weisheiten der alten Eule 8 (Therapeutische Geschichte)

Die Weisheiten der alten Eule © Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2018

Die Weisheiten der alten Eule
(Therapeutische Geschichten)

 

In einer sehr alten Eiche lebte eine auch ziemlich alte Eule. Mit der Zeit konnte sie schlechter hören und sehen, aber die Tiere des Waldes gingen gern zu ihr, wenn sie Sorgen und Probleme hatten. Im Gespräch mit der alten Eule fanden viele Tiere ihre Lösungen und verstanden, was das eigentliche Thema war. Von einigen dieser Begebenheiten will ich berichten.

 

Der kleine Igel Malte

Es gab eine Zeit im Wald, da war „Vorsicht Malte“ häufiger zu hören. Manchmal galt es dem kleinen Igel Malte selbst und manchmal war es eher eine Warnung für die anderen. Dass man beim Spielen mit Igeln vorsichtiger sein sollte, um nicht gepiekst zu werden, wussten die anderen Waldkinder. Auch die Igel wussten das.

Doch der kleine Igel Malte wurde oft traurig, wenn er „Achtung Malte“ oder „Vorsicht Malte“ hörte. So gern hätte er einfach nur mit den anderen spielen wollen. Doch wenn sie mal nicht mit ihm spielen wollten oder er nicht seinen Willen bekam, kugelte sich Malte schnell ein. Er sah dann aus wie eine kleine Stachelkugel. Dann hatten die anderen oft Angst und liefen weg. „Dann eben nicht“, schnaufte Malte in sich hinein. Seine Stachelhaut schützte ihn dann. Aber so sahen die anderen Waldkinder auch nicht, wie traurig er dann war. Wenn er mal so richtig ärgerlich über jemanden war, dann rollte er sich zusammen und auf denjenigen zu. Das piekste dann und der oder die andere war dann traurig. Manchmal weinten die Kinder dann auch. „Jetzt weißt Du mal, wie das ist.“, dachte sich dann Malte. Eigentlich wollte er die anderen zwar nicht verletzen, aber irgendwie wusste er auch nicht weiter.

Eines Tages spielten die Waldkinder auch unter der Eiche der weisen Eule. Das Fangen-Spiel mochten die Waldkinder. Malte wurde nur selten gefangen. Viele hatten Angst, ihn abzuklatschen, weil sie befürchteten, sich zu pieksen. „Hier bin ich . Hieeer. Fang mich doch.“, rief Malte. Er war ganz stolz auf sich, weil er geübt hatte, schneller zu laufen. Doch als die anderen ihn weiterhin nur sehr selten fangen wollten, wurde er trotzig und kugelte sich ein. „Achtung Malte“ hörte er wieder. Die Kinder machten nun erst recht einen Bogen um ihn. Die weise alte Eule schaute sich das eine Weile an und flog dann hinab zu den spielenden Kindern.

„Na Malte, Du scheinst nicht ganz zufrieden zu sein?“, fragte die weise Eule vorsichtig. „Das brauche ich jetzt gerade auch noch!“, grummelte Malte in sich hinein. „Na warte, Dir werde ich es zeigen.“, dachte er sich. Er fühlte sich ertappt und wollte nicht, dass die anderen merkten, dass er eigentlich traurig war. Er schaute einmal grimmig und rollte sich zusammen. Dann rollte er auf die Eule zu. „Du wirst es gleich selbst spüren, wie sich das anfühlt …“, dachte er sich und rollte über ihre Füsse. Er war es gewohnt, dass die anderen dann davonliefen, jammerten, weil er sie gepiekst hatte oder auf ihn schimpften. Doch die Eule … zuckte nicht einmal. „Komm mal zu mir und erzähle.“, sagte die weise Eule zum kleinen Igel.

Malte wollte, dass die Eule seinen Schmerz, die Traurigkeit und Wut, auch spürte. „Los geh weg!“, er rollte nochmal über ihre Füße, aber die reagierte nicht darauf. „Eulen scheinen keinen Schmerz in den Füßen zu spüren.“, versuchte er sich das unerwartet Erlebte zu erklären. „Ich werde nicht weggehen, bevor wir gesprochen haben“, sagte die Eule, „ganz gleich, wie oft Du mir noch in die Füße piekst.“ „Sie fühlt es also doch!“, erschrak Malte. Da war er verwundert. „Nun erzähl mal, was mit Dir los ist.“, lächelte ihn die Eule an.

Da nahm Malte seinen Mut zusammen und schüttete ihr sein Herz aus. Er erzählte davon, wie er sich fühlte, wenn er sich ausgegrenzt und anders fühlte. Nun kullerten auch ein paar Tränchen seine Wange herunter. Doch irgendwie fühlte er sich danach leichter. „Anders zu sein, ist nichts Schlechtes. Es kann sogar etwas sehr Gutes sein. Jeder ist doch auf seine Art irgendwie anders.“, sagte die weise Eule, „Schau Dich mal um. Hier ist doch keiner genau wie der andere.“ Malte schniefte kurz und sah sich um. „ABER …“, fing Malte an, „warum ärgern mich die anderen dann?“ Die Eule schaute ihm in die Augen und fragte: „Wie genau ärgern sie Dich denn?“

Malte überlegte kurz und antwortete: „Immer wenn ich ‘Achtung Malte’ höre oder sie mich beim Fangenspiel nicht fangen wollen zum Beispiel.“ „Hm“, die Eule schaut fragend, „Hast Du ihnen das denn mal gesagt?“ „Gesagt?“, stutzte der kleine Igel, „ähm … nein, ich dachte immer …“. Man konnte seinem Gesicht ansehen, dass es ihm plötzlich bewusst wurde. „Wenn Du Dich zur Kugel einigelst und den anderen nicht sagst, wie es Dir geht, … wird sich vermutlich nichts ändern.“, zwinkerte ihm die Eule zu bevor sie wieder in ihr Nest flog.

Am nächsten Tag erzählte er den anderen Waldkindern, was ihn manchmal traurig machte und warum er sich dann einigelte. Er hatte immer gedacht, die anderen würden ihn auslachen, aber das taten sie nicht. Auch die anderen erzählten nun, was sie manchmal störte, ihnen Angst machte oder sie traurig werden ließ. Irgendwie fühlten sich die Waldkinder nun verbundener. Seitdem rollte sich Malte nur noch selten zusammen.

Am Nachmittag verabredeten sie sich zum Fangen spielen. Malte sollte als erster fangen. Als er die anderen sah, strahlte er voller Glück. Sie hatte sich alle Handschuhe mitgebracht und Malte … musste ganz schön laufen ;o)

 

 

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2019)

 

 

 

 

 

 

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30 Jan

Das Vermächtnis einer alten Dame (Therapeutische Geschichte)

Das Vermächtnis einer alten Dame
(Therapeutische Geschichte)
-inspiriert durch Norbert Cuypers-

 

Manchmal lernen wir von Menschen auf eine sehr ungewöhnliche Weise. So lernte ich von einer verstorbenen alten Dame etwas über Menschen und Menschenbilder.

Ich war eine Zeit lang als Grabredner beschäftigt, manchmal neben einem Pfarrer und manchmal allein, wenn die verstorbene Person kein Kirchenmitglied war. Es war ein Zufall, der mich zu dieser Aufgabe führte. Für diese Erfahrungen bin ich heute sehr dankbar. Man lernt, aufmerksam und verständnisvoll zuzuhören und die „richtigen“ Fragen zu stellen, wenn man mit den Angehörigen über die Verstorbenen spricht. In einigen Fällen jedoch gibt es keine Angehörigen. So war es bei Hedwig Schulze. Die von Amts wegen bestellte Nachlasspflegerin übergab mir einen Ordner mit Unterlagen, die die alte Dame vorsorglich für ihre Beerdigung gesammelt hatte. In ihrem Testament hatte sie verfügt, dass ein ordentliches Begräbnis stattfinden soll und mit dem örtlichen Bestattungsinstitut eine Vereinbarung getroffen. Diese Vereinbarung deckte sowohl die Kosten für eine Beerdigung inkl. Blumen als auch eine Grabrede ab.

So wurde ich von diesem Bestattungsinstitut beauftragt, eine Grabrede zu halten. Ich fragte mich, was sie wohl gedacht haben mag, als sie diesen besonderen Ordner zusammengestellt hatte. Obwohl ich es aus beruflichen Gründen gewohnt war, sehr persönliche Informationen zu erhalten, war es doch etwas sehr Besonderes, den Brief der alten Dame zu lesen. Neben einer Art kurzem tabellarischen Lebenslauf und Familienstammbaum schrieb sie „mir“ einen Brief. Sie schrieb darin über ihr Leben, wie sie es erlebt hatte, was sie bewegt und geprägt hatte. Hedwig Schulze hatte ein für mich beeindruckendes Leben geführt. Auch wenn sie mit ihrem Mann keine Kinder bekam, war sie Zeit Ihres Lebens ein Segen für andere, vor allem Kinder, gewesen.

Als gelernte Kinderkrankenschwester hatte sie vielen Kindern den Weg ins Leben geebnet und das nicht nur im Krankenhaus. Solange sie konnte, engagierte sie sich ehrenamtlich, half in Familien mit Problemen aus und organisierte in der Gemeinde Kurse für erste Hilfe, Kochen, Singen oder Spielen. Bis ins hohe Alter war sie aktiv. Als dann die Krankheit kam, ging alles ziemlich schnell. 89 Jahre lang hatte sie diese Welt bereichert. Auch wenn ich sie zu ihren Lebzeiten nie kennengelernt hatte, diese Frau schloss ich sehr schnell in mein Herz. Diese Grabrede sollte ein Meisterstück werden. Auch wenn mir zur Vorbereitung gemäß Auftrag nur 90min zustanden, nahm ich mir für diese Rede viel Zeit. Dieser Frau, die so viel für andere getan hatte, wollte ich eine besondere Rede widmen, die ihr gerecht werden sollte.

Als ich mich mit dem Pfarrer absprach, gewährte er mir gerne etwas mehr Zeit. „Hedwig Schulze war ein wunderbares Mitglied unserer Gemeinde. Ich weiß nur nicht, wie viele zu ihrer Beerdigung kommen. Sie hatte keine Angehörigen mehr soweit ich weiß.“, sagte er zu mir. Eine Beerdigung heißt immer Abschied nehmen, aber dieser alten Dame wollte ich einen ehrenvollen letzten Weg gestalten. Auch die Sonne, die an diesem kühlen Morgen durch die Friedhofsbäume schien, schenkte dem traurigen Anlass etwas Würde und Glanz. Umso mehr betrübte mich, dass außer dem Pfarrer und mir niemand an ihrem Grab stand. Nur ein paar Meter entfernt saßen ein paar Jugendliche auf der Lehne einer Parkbank. Ich spürte gleich einen inneren Groll, als ich dieses in meinen Augen flegelhafte Benehmen beobachtete. Wie vereinbart, begann ich meine Rede, bevor der Pfarrer seine letzten Worte und den Segen sprach.

„Wir nehmen heute traurig Abschied von Hedwig Schulze.“, begann ich meine Rede und achtete darauf, so laut zu sprechen, dass die Jugendlichen mich auch hörten. Vielleicht besaßen sie ja nun so viel Anstand, sich zu entfernen und der Verstorbenen die Würde des letzten Geleits zu gewähren. Aber nein – ich bemerkte, wie sie nun auf ihren Smartphones schrieben. Es machte mich innerlich wütend. Diese Frau hatte so viel für Kinder getan und diese frechen Gören achteten das nicht. Ich war kurz davor, etwas in ihre Richtung zu rufen, doch dann stieß ich in meiner Rede auf ein Zitat dieser Frau: „Kinder brauchen viel Liebe und Zuwendung und viel Geduld“. Es wäre wohl Hedwig Schulzes Andenken nicht gerecht gewesen, meiner Entrüstung Ausdruck zu verleihen und meine Grabrede nicht bestmöglich zu halten.

Ich konzentrierte mich also auf meine Rede und schaute auf das, was ich ihr zu Ehren ausgearbeitet hatte. Als ich wieder aufblickte, waren die Jugendlichen verschwunden. Irgendwie war ich erleichtert. Was dann geschah, war einer der überraschendsten und zugleich bewegendsten Momente meines Lebens. Eine Frau mittleren Alters im schwarzen Mantel gesellte sich zu uns und stand vor dem Grab. „Schön, dass doch noch jemand zur Beerdigung kommt.“, sagte ich. Die Dame war sichtlich bewegt und reagierte nicht auf mich. Dann schaute sie in meine Richtung und begann „Aaaa…“. Sie verstummte.

Plötzlich hörte ich hinter mir einen Chor „Aaave Maariia …“. Mir schossen die Tränen in die Augen. Eine Gruppe von bestimmt 40-50 Menschen hatten sich hinter mir versammelt und sang für die alte Dame. Als ich mich umdrehte, erkannte ich einige der Jugendlichen darunter. Sie alle gaben nun der alten Dame das letzte Geleit. „Es war eine wunderschöne Grabrede. Vielen Dank Heddi hätte sich sehr darüber gefreut. Sie war ein ganz besonderer Mensch, die schon für meine Eltern da war. Und ich bin stolz, dass ich sie auch noch kennenlernen durfte.“, waren die ersten Worte eines der Jugendlichen, der sich mir als Milan vorstellte. „Es war ein Zufall, dass wir heute durch Ihre Rede davon erfuhren. Da haben wir so schnell wie möglich alle informiert, von denen wir wussten, dass die sie kannten. Es wären sonst so viel mehr gewesen.“, fuhr er fort. Auch er hatte Tränen in den Augen. Wir sprachen noch eine ganze Weile und saßen später bei einem Kaffee zusammen.

 

 

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Diese alte Dame lehrte mich noch nach ihrem Ableben eine wichtige Lektion: Menschen, gleich welchen Alters, mit Respekt und Offenheit zu begegnen. Anstand, Respekt und Menschlichkeit, das habe ich vielfach gelernt, erkennt man weder am Alter noch am Aussehen.

 

 

Hier gibt es die Hörversion:

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2019)

 

 

 

 

 

 

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09 Sep

Der Lumpenhund (Therapeutische Geschichte)

exklusiv auf nur-positive-nachrichten.de

Der Lumpenhund (Therapeutische Geschichte)

 

Meine neueste Geschichte “Der Lumpenhund” ist nun exklusiv auf nur-positive-nachrichten.de zu lesen. Sie ist inspiriert durch eine wahre Begebenheit.

 

Ich war einmal wieder mit der S-Bahn in Berlin unterwegs und fuhr auf dem kleinen Ring von West nach Ost … so beginnt eine besondere Begegnung und meine kleine Geschichte über Menschlichkeit und Verbindungen zwischen Welten.

 

Hier die Hörversion:

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2018)

 

 

 

 

 

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14 Aug

Der zerbrochene Teller (Therapeutische Geschichte)

Der zerbrochene Teller
(Therapeutische Geschichte)
-in tiefer Dankbarkeit-

 

Ich schreckte zusammen als ich das Klirren und Scheppern aus der Küche hörte. Was war passiert? Hatte sie sich verletzt? Ich sprang auf und eilte in die Küche. Ein Teller oder vielmehr die Scherben eines Tellers lagen auf dem Boden. Elke schaute mich mit einer Mischung aus erschrocken und verärgert an. „Was ist denn passiert?“, entfuhr es mir. „Du hast ja auch alles so voll gestellt hier. Wie soll ich da auch vernünftig einen Teller in den Geschirrspüler stellen?“

„Wieso hast Du auch zwei Teller genommen? Dann wäre das nicht passiert.“, entgegnete ich. Ich konnte quasi sehen, wie die Wut und Verzweiflung in ihr anstieg. So froh ich auch war, dass ihr nichts passiert war, ärgerte mich der kaputte Teller. Sie war aber immer so ungeschickt, dachte ich noch, bevor ich mit vorwurfsvollem Blick die Scherben aufsammelte. Wutschnaubend verließ Elke die Küche. Im Nachhinein tat es mir leid, dass ich nicht entspannter darauf reagiert hatte. Ich war ja froh, dass es ihr gut ging. Es war letztlich nur ein Teller.

Einige Wochen später wollte ich im Fernsehen eine Sendung sehen und hatte mich mit dem Abendbrot beeilt. Ich griff beide vorbereitete Brettchen und stellte ein Glass Fruchtschorle dazu. Die Sendung sollte gleich beginnen und ich wollte ja Zeit sparen. Auf dem letzten Meter rutschte das Glas und ich ging in einen Jonglierversuch über … aber das Glas fiel doch zu Boden und die Schorle war nur noch eine Pfütze am Boden.

Diesmal war Elke es, die zur Tür hereinstürmte und fragte, was passiert sei. Ich spürte wie in mir die Wut über mein Missgeschick, der Ärger über das, was mir nun bevorstand und die Verzweiflung aufstieg. „Ist Dir was passiert?“, fragte Elke und ich druckste nur „Nein, alles ok.“ Innerlich bereitete ich mich auf einen Vortrag vor, warum ich denn nicht zweimal gegangen war und dass es ja klar ist, dass ein Glas auf dem Brettchen rutschen könnte. Ich überlegte schon, was ich entgegnen würde. „Du hättest mir ja auch helfen können, dann hätte ich nicht zweimal gehen müssen.“, war eine von mehreren Reaktionen, die mir durch den Kopf gingen. Ohne ein Wort lief sie in die Küche, holte die Küchenrolle und wischte die Flüssigkeit auf. „Pass auf die Scherben auf …bitte“, sagte ich, während ich die Brettchen abstellte und ein Kehrblech holte. „Naja, bis auf den Schrecken ist ja nichts passiert.“, lächelte sie mich an, „Es war nur ein Glas. Dir ist nichts passiert. Das ist wichtig!“

 

Der zerbrochene Teller - SinnSationsGeschichten Liebe Beziehung Leben

 

Ich war verunsichert, erleichtert und begeistert zur gleichen Zeit. Mir war klar, dass das DIE Gelegenheit für sie gewesen wäre, sich für meinen Ausbruch beim zerbrochenen Teller zu revanchieren. „Danke“, sagte ich kleinlaut. Dann nahm ich sie in den Arm und wiederholte es: „Danke, … dass Du nicht geschimpft hast. Ich weiß ja, dass das blöd von mir war.“ Wieder lächelte sie nur. In dem Moment wurde mir klar, dass weder ein kaputtes Glas noch ein Teller es wert waren, sich zu streiten oder Vorwürfe zu machen. Wenn einem so etwas passiert, wünscht man sich Verständnis, denn Vorwürfe macht man sich selbst schon genug.

Seitdem waren die kleinen Unfälle des Alltags nie wieder ein „Problem“ zwischen uns.

 

Was ich durch einen zerbrochenen Teller und ein kaputtes Glas lernte, macht mein Leben seitdem deutlich entspannter und leichter.

 

 

 

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2018)

 

 

 

 

 

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