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Die kleine Murmel

 

 

Die kleine Murmel
(Therapeutische Geschichte)

 

Eine kleine Murmel lag inmitten eines von frischem Schnee bedeckten Fleckchens Erde. Sie hatte längst vergessen, wo genau das eigentlich war. Auch wie sie dort hingekommen war, wusste sie nicht mehr. Dafür fühlte sie sich allein und nutzlos. Sie war sich sicher, für nichts und niemanden mehr gut zu sein. Das machte sie sehr traurig.

Vor langer Zeit hatten Kinder mit ihr gespielt. Die kleine Murmel hatte so oft das Lachen der Kinder gehört und konnte ihre Freude spüren. Doch diese Zeiten und das Strahlen der Kinderaugen waren lange her. Die kleine Murmel hatte früher selbst auch gestrahlt. Sie war einst glatt poliert und funkelte im Licht der Sonne. Wenn die Sonnenstrahlen durch sie hindurch gingen, entstand ein buntes Lichterspiel. Dann fühlte sie sich wie eine kleine Zauberkugel und verzauberte die Kinderherzen.

Doch nun hatte sie eine Schmutzschicht angesetzt und ihr Zauber und das Funkeln waren verschwunden. Sie hatte sogar eine kleine Kerbe bekommen. „Mit dieser Kerbe und so schmutzig, wie ich bin, will mich ja sowieso niemand mehr haben.“, dachte sich die kleine Murmel oft.

Der erste Schnee fiel auf die Dächer der Stadt und deckte alles mit einem puderzuckerweißen Mantel ein. Doch heute sollte ein besonderer Tag für die kleine Murmel werden. Der kleine Caspar kam ausgerechnet heute und ausgerechnet an dieser Stelle vorbei. Normalerweise wäre er einen anderen Weg nach Hause gegangen, aber nun dachte er viel über seine jüngere Schwester Mila nach. Mila war nun schon einige Zeit krank und lag in ihrem Bettchen. Seitdem ihre Lieblingspuppe Tara, die wie eine kleine Elfe aussah, verschwunden war, ging es ihr nicht gut. Sie hatte viel geweint und klagte über Kopf- und Bauchschmerzen.

Überall hatten Mila, Mama, Papa und Caspar gesucht und doch konnten sie Tara nicht finden. „Vielleicht bekommst Du zu Weihnachten eine neue Puppe geschenkt“, hatte die Mama gesagt und ihre Tochter getröstet. Aber Mila wollte ja gar keine neue Puppe. Sie wollte ihre Tara zurück.

In dem Moment, als Caspar noch ein paar Schritte von der kleinen Murmel entfernt war, fiel ein Sonnenstrahl in eben diese kleine Kerbe der kleinen Murmel und ein Glitzerfunkeln traf Caspars Gesicht. Das weckte seine Neugier und er schaute nach, was denn da auf dem Boden lag. „Oh, eine kleine Murmel.“, sagte er erstaunt, „Die nehme ich für Mila mit.“ und steckte die kleine Murmel in seine Hosentasche.

Als er zuhause ankam, schaute er als Erstes in Milas Zimmer. Sie lag noch immer im Bett und sah etwas kränklich aus. Dann ging er ins Badezimmer und wusch sich die Hände und dabei die kleine Murmel gleich mit. Ein bisschen von ihrem Zauberfunkeln konnte man nun schon wieder erahnen.

Dann holte er eine kleine Pappschachtel aus seinem Zimmer, die er vor einer Weile mit seinem Opa gebastelt hatte und legte die kleine Murmel hinein. So hübsch verpackt war die Murmel nun ein Geschenk geworden – für Mila. Mit einem strahlenden Gesicht ging er leise in Milas Zimmer. Sie schaute ihn an und Caspar sagte leise: „Hallo“. „Ich hab Dir etwas mitgebracht“, platzte es aus ihm heraus, „ein Geschenk – eine Zauberkugel“.

Mila sah ihn erstaunt an: „Eine Zauberkugel? Was kann die denn?“ Neugierig schaute sie über die Bettdecke und öffnete die kleine Schachtel. Caspar wollte seiner kleinen Schwester eigentlich nur eine kleine Freude bereiten. Darüber, was die Zauberkugel nun eigentlich genau konnte, hatte er nicht nachgedacht. „Hm, naja … sie glitzert und …“, er überlegte kurz, “… und kann Wünsche erfüllen, wenn man ganz fest daran glaubt.“ Nun war er es, der sich wünschte, dass die kleine Murmel Wünsche erfüllen könnte.

„Hatschi“, nieste Mila plötzlich und die kleine Murmel fiel auf den Fußboden. Dann rollte sie weiter und rollte und rollte – bis ans Bettende, weiter über den Holzboden und bis unter ihren kleinen Spielzeugschrank mit den bunten Schubladen. Erst als sie an die Wand stieß, blieb sie liegen. „Oh nein“, rief Mila laut, „meine Zauberkugel ist weg. Wo ist sie? Ich muss mir doch noch etwas wünschen.“ Kleine Tränchen bildeten sich in ihren Augen. „Keine Sorge, ich finde sie“, sagte Caspar sofort, denn er wollte keinesfalls, dass Mila wieder traurig werden würde.

Er hatte genau beobachtet, wo die kleine Murmel entlang gerollt war und versuchte, mit seinen Armen unter den kleinen Spielzeugschrank zu kommen. Aber sie waren zu kurz und er erreichte sie nicht. Der Schrank war zu schwer für ihn, um ihn zu verschieben. „Wir müssen den Schrank ausräumen“, sagte er, „dann kann ich ihn vielleicht verschieben und die Zauberkugel hervorholen.“

Mila krabbelte aus ihrem Bettchen und zog sich warme Sachen an. Das hatte sie schon einige Tage lang nicht mehr gemacht. Doch nun ging es um die Zauberkugel. Gemeinsam räumten sie Stück für Stück die Spielsachen aus und bei jedem Spielzeug erinnerte sich Mila daran, wie schön es war, damit zu spielen. Und doch war kein Spielzeug wie Tara.

Als der Schrank leer war, versuchte Caspar, ihn mit aller Kraft zur Seite zu schieben … und es gelang ihm. Plötzlich hörte man ein dumpfes Geräusch. Irgendetwas, was wohl zwischen den großen Kleiderschrank und ihren kleinen Spielzeugschrank gerutscht war, musste auf den Boden gefallen sein.

„Tara“, rief Mila laut und strahlte über das ganze Gesicht, „Meine Tara ist wieder da. Das hatte ich mir doch so sehr gewünscht. Woher wusste die Zauberkugel das nur?“ Sie umarmte ihren großen Bruder ganz fest und sagte immer wieder „Danke, Danke“. Die kleine Murmel war überglücklich, dass sie die verlorene Puppe „gefunden“ hatte.

„Sie ist wirklich eine wunderbare Zauberkugel“, sagte Mila und legte die kleine Murmel in ihr Schatzkästchen, das auf dem Spielzeugschrank stand. Als die Mama in Milas Zimmer kam, strahlte Mila noch immer. „Was ist denn passiert?“, fragte sie. „Dir scheint es ja wieder besser zu gehen“, freuten sich Mama und Papa, der auch dazu gekommen war.

„Meine Tara ist wieder da! Meine Tara ist wieder da!“, rief Mila nochmals, „Die Zauberkugel, die Caspar mir geschenkt hat, hat meine Tara gefunden. Das ist ganz wunderbar!“, freute sich Mila, „Das hatte ich mir so sehr gewünscht. Und dabei ist noch gar nicht Weihnachten.“

Mama lächelte: „Morgen ist Weihnachten …“

 

 

Hier gibt es die Hörversion:

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2021)

 

 

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