12 Jun

Die Weisheiten der alten Eule 6 (Therapeutische Geschichte)

Die Weisheiten der alten Eule © Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2018

Die Weisheiten der alten Eule
(Therapeutische Geschichte)

 

In einer sehr alten Eiche lebte eine auch ziemlich alte Eule. Mit der Zeit konnte sie schlechter hören und sehen, aber die Tiere des Waldes gingen gern zu ihr, wenn sie Sorgen und Probleme hatten. Im Gespräch mit der alten Eule fanden viele Tiere ihre Lösungen und verstanden, was das eigentliche Thema war. Von einigen dieser Begebenheiten will ich berichten.

 

Die kleine Spinne Dora

Auch wenn jedes Tier im Wald seine Aufgabe hatte, so wurden sie doch unterschiedlich wahrgenommen – besonders von den Menschen. Sie bewerteten die Tiere nach Aussehen oder Eigenschaften, die sie ihnen zuschrieben. Die kleine Spinne Dora war unglücklich, als sie die weise Eule aufsuchte. Die Eule musste schon genau hinsehen und hören, denn die kleine Spinne war wirklich nicht sehr groß.

„Die Menschen mögen mich nicht.“, jammerte Dora, „Sie schreien, treten und schlagen nach mir, wenn sie mich sehen – selbst wenn ich einfach nur still da sitze. Als wäre ich ein Monster. Weisst Du, liebe Eule, wie oft ich schon ‘Pfui Spinne’ gehört haben? Das tut manchmal schon weh. Es ist hart, wenn man von niemandem gemocht wird.“ Ein leises Schluchzen war zu hören.

„Die Menschen“, antwortete die Eule, „sehen meist nuhur mit ihren Augen und dann auch nuhur das, was sie sehen wollen. Sie bedenken nicht, wie viele Mücken und Fliegen duhu fängst und ihnen damit das Leben leichter machst. Viele haben Angst vor Dir, obwohohl sie ein Vielfaches größer sind als Duhu.“ Die weise Eule beugte sich zu Dora hinunter und schaute ihr tief in die Augen. „Duhu wirst sie nicht verändern können. Die Menschen glauben, sie würden die Natuhur verstehen. Dabei bewerten sie alles, was sie dort finden, nuhur danach, ob es für sie nützlich erscheint ohoder nicht.“

„Andere Tiere mögen die Menschen. Sie füttern sie, hegen und pflegen sie und haben sie gerne in ihrer Nähe. Ich wünschte, sie würden mich auch mögen und erkennen, dass ich vieles tue, was gut für sie ist. Ich webe viele Stunden und Tage an meinen Netzen und versuche auch, sie besonderen schön zu machen. Doch keiner achtet darauf.“, sagte Dora mit gesenktem Haupt.

„Überlege Dir gut, was Duhu Dir wünschst!“, entgegnete ihr da die weise Eule, „Viele der Tiere, die die Menschen möhögen, wollen sie nuhur essen. Deshalb füttern sie sie uhund haben sie in ihrer Nähe.“ Dennoch verstand die Eule Doras Wunsch. Dora wurde nachdenklich. Die Menschen schienen schon komisch zu sein. Dann hörte sie die Worte der weisen alten Eule: „Wichtig ist nicht, ob andere bemerken, was Duhu Gutes tust oder wie sie über Dich denken. Wichtig ist, wie Duhu über Dich denkst, dass Duhu weisst, dass Duhu ein wertvoller Teil dieses Waldes bist.“

Dora war berührt und spürte, wie ein Stück Traurigkeit aus ihrem Herzen wich.

Als es zu dämmern begann, machte sich Dora daran, ein neues, ganz besonderes Netz zu weben. Der Mond schenkte ihr noch Licht, bis sie damit fertig war und zufrieden einschlief. „Sieh nur Mami, ist das nicht wunderschön!“ Als Dora, durch diese Worte geweckt, ihre Augen öffnete, sah sie ein kleines blondes Mädchen, das fasziniert vor ihrem Netz stand. Der Morgentau hatte sich in feinsten Perlen darin verfangen und glitzerte in der morgendlichen Sonne. „Sieh es Dir an, aber störe die Spinne nicht, Farah.“, sagte die Mutter zu dem Mädchen. „Das hat eine Spinne gemacht?“, fragte Farah, „Ich wusste nicht, dass diese Krabbelinge so schöne Dinge machen können. Ich glaube, dann mag ich Spinnen doch … auch wenn sie komisch krabbeln.“

Die kleine Spinne Dora hat diese Worte nie vergessen.

Vielleicht war es nur ein kleines Mädchen, vielleicht war es nur ein Zufall, vielleicht nur dieser eine Morgen, aber vielleicht war es auch ein Anfang …

Seiden web ich Fäden zum Gespinst,
dass Morgentau im Lichte glänzt,
fang Träume, Wünsche, Hoffnung ein
zu binden sie an diese Erden,
damit sie einmal Wahrheit werden
und glücklich machen – groß und klein.

Du Mutter vieler Fantasien,
verkannt, zu Unrecht oft verschrien,
ich will Dir meine Zeilen schenken,
Dein Bild in grade Bahnen lenken,
will wie ein Kind mit allen Sinnen
nach Herzenslust nur mit Dir – spinnen.
sz

 

 

 

 

 

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2018)

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