03 Mai

Das Glück des Hasen (Therapeutische Geschichte)

Gleich hinter dem Wald, wo die Wiesen begannen war der Hoppelbergweg. Und in Nummer 7 wohnte der kleine Hase Löwenzahn. Eigentlich hieß er Cäsar Carl Conrad vom Hoppelberg, aber weil er sooo gerne am Löwenzahn roch und Blüten vernaschte, nannte ihn alle Löwenzahn. Das war auch viel kürzer. Außerdem war er ein recht mutiger kleiner Hase, aber manchmal etwas neugierig.

Wenn er nicht gerade auf den Wiesen am Löwenzahn mümmelte, spielte er am liebsten mit seinem roten Ball. Eines Tages spielte er mit seinen Freunden und sein roter Ball flog weiter als sonst … bis vor einen Zaun. „Schnell, schnapp Dir den Ball und dann weg hier“, riefen seine Freunde. „Wieso?“, fragte Löwenzahn. „Da wohnt der alte Grummel. Der mag keine Kinder, keine Bälle und auch sonst niemanden. … Da sollen schon kleine Hasen verschwunden sein, wenn sie auf seinem Grund waren.“

Nun war Löwenzahns Neugierde natürlich erst recht geweckt. Und schon polterte der alte Grummel aus seiner Hütte. „Verschwindet hier. Ihr habt hier nichts zu suchen. Ich mach Euch gleich Beine.“ Die Häschen liefen weg … bis auf Löwenzahn. „Hallo, ich bin Löwenzahn. Sie haben einen schönen Garten und einen Ort für Ihr Häuschen. Es ist geschützt genug, bekommt aber noch ausreichend Sonne, ist nicht gleich zu sehen und die Rüben wachsen hier besonders gut.“, sagte Löwenzahn unbeeindruckt. „Das … das hast Du gut bemerkt.“, antwortete Grummel überrascht, „Aber nun geh wieder und störe mich nicht“. „Was machen Sie denn gerade?“, fragte Löwenzahn einfach darauf los. „Nichts!“ grummelte Grummel in seinen Bart. „Und dabei störe ich Sie?“ fragte Löwenzahn spitzbübisch. Grummel fühlte sich ertappt, konnte sich aber dem herzlichen Humor des Kleinen kaum entziehen.

„Kennst Du Dich mit Blumen aus?“ fragte Grummel. „Ja, am liebsten mag ich Löwenzahn. Aber auch Tulpen, Gänseblümchen, … aber noch längst nicht alle.“ „Möchtest Du mehr Blumen kennenlernen?“, fragte Grummel. „Oh ja. Kannst Du sie mir erklären? Ähm … Sie.“ „Schon gut, Du kannst Grummel sagen. Aber nun geh wieder nach Hause, sonst machen sich Deine Eltern noch Sorgen.“

Der kleine Löwenzahn ging nun fast jeden Tag zu Grummel und lernte über Pflanzen und Blumen, wo und wie man sie sät und woran, man sie erkennt. Grummel wusste viel und verdiente seinen Namen von Tag zu Tag immer weniger. Er mochte den kleinen Löwenzahn. Die anderen Hasen mieden Grummel, erzählten sich Geschichten über ihn. „Wieso heißt Du eigentlich Grummel?“, fragte Löwenzahn. „Vor langer Zeit hatte ich einen Streit mit meinem Bruder, da hab ich mein Glück verloren.“ „Ich werde sein Glück wiederfinden“, dachte sich Löwenzahn. Er sammelte von der Wiese die schönsten Blumen, denn er vermutete, dass das Glück von Grummel eine Blume war. Dann hoppelte er bis ans andere Ende der Wiese zum Bruder von Grummel und fragte ihn, welche der Blumen wohl Grummels Glück sein könnte. Als der Bruder ihn fragte, wozu er das wissen wollte, erzählte Löwenzahn über Grummel. Dann verabschiedete er den kleinen Hasen. Löwenzahn zog durch das ganze Hasendorf, aber kein Hase konnte ihm helfen. Irgendwie schauten alle nur etwas traurig, obwohl er jedem eine Blume schenkte – als Dankeschön für die Zeit, wenn er über Grummel sprach.

Am nächsten Wochenende besuchte Löwenzahn mal wieder Grummel. „Ich konnte Dein Glück nicht finden. Dabei habe ich überall gesucht. Weißt du denn noch, wo Du es verloren hast?“ Grummels Augen glänzten, „Mein Glück kannst Du doch nicht finden.“ Plötzlich klopfte es an der Tür. Als Grummel die Tür öffnete, blieb er wie versteinert stehen. Da stand sein Bruder vor der Tür und umarmte ihn. „Lass uns den Streit vergessen und wieder gut sein, so wie früher. Wir werden beide nicht jünger.“ Und er lächelte. Über die Wiese kamen immer mehr Hasen zu Grummels Haus.Sie brachten Blumen mit. Als sie von Löwenzahn die Geschichte über Grummel hörten, tat es Ihnen leid, wie sie ihn gemieden hatten. Viele waren früher Nachbarn und Freunde von ihm und kannten ihn noch unter seinem richtigen Namen „Vivianus“. Viele luden ihn für die nächsten Wochen ein, zum Tee, auf ein Hasenbier oder zum Kartenspielen.

„Du hast mir mein Glück zurückgebracht. Ich danke Dir von ganzem Herzen.“, war Grummel – also Vivianus gerührt. „Aber ich habe es doch gar nicht gefunden.“ stutzte Löwenzahn. „Mich wieder mit meinem Bruder zu vereinen, mit meinen Nachbarn und Freunden zu versöhnen und mir Deine Lebensfreude zu zeigen, das ist das größte Glück, was ich habe könnte. Denn weißt Du, Hasen sind nur so richtig glücklich, wenn sie in der Gemeinschaft leben.“

(© Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, 2016)

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Das Glück des Hasen

 

 
Praxis Der Zuhörer -Steffen Zöhl





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